Eisschicht

Ein sonniger Tag. Klare Luft als eisige Kälte vor meinem Gesicht. Nebel vor dem Mund, wenn ich ausatme. Ich sehe meine Luft, spiele mit ihr. Eine Selbstverständlichkeit. Ein Spaziergang im Winter. Ausgelassenheit an einem kleinen See irgendwo im Wald. Die Eisfläche lockt. Unberührte Glattheit. Der Spagat im Kopf. Hält das Eis? Ich schaue mich um. Werde ich beobachtet? Die Dummheit ist Freund der Heimlichkeit.

Der erste angstvolle Schritt. Kein Knirschen, es hält. Gefühlte Sicherheit nimmt zu, verdrängt die Angst. Dann der nächste Schritt. Mut und Entfernung zum Ufer steigen an. Schlindern, rutschen, lachen, drehen. Ausgelassenheit auf offener Fläche.

Die Seemitte ist nah. Ein wenig Angst ist vorhanden, nur wenig. Ich bin alleine, genieße die Freiheit. Stehenbleiben, umschauen, schauen nach vorne. Leise knirscht das Eis. Sorgen fluten das Gehirn. Festhalten, woran? Das Knirschen wird lauter, das Eis bekommt Risse, bricht.

Wie in Zeitlupe verliere ich den Halt, der Boden sackt ins Wasser. Ich versinke. Eiskaltes Wasser überströmt meine Schuhe, fasst meine Beine und zieht mich herunter. Der Schrei in meiner Kehle, längst vorbereitet, wird zugedeckt mit Eiswasser.

Ich schließe die Augen, will sie schützen vor den Fluten, während ich sinke. Das Eis als Horizont auf Augenhöhe ist schon passiert. Ich blicke von unten gegen das Eis und bin fasziniert von Strukturen und Farben.

Es wird dunkler, grünblaues Licht dominiert, Farben weichen dem Schwarzweiß. Aus Konturen werden Schemen. Pixelige Bilder überwiegen.

Die Faszination für meine Umgebung weicht der Erkenntnis, dass ich hier falsch bin. Meine Muskeln werden steif, das Eiswasser zieht die Handbremse jeder einzelnen Faser. Ich schaue nach oben. Dort ist die Bruchstelle, mein Eintrittstor und mein Ausgang. Dort wird es weiter gehen, hier ist nur die Sackgasse.

Selten wird mir so deutlich, dass Leben in wenigen Metern Entfernung weitergeht, während es am aktuellen Ort in wenigen Minuten enden wird. Es ist fast greifbar.

Ich kämpfe, gegen die Kälte, gegen die Atemnot, die meine Lunge zerreißen will. Wenige Muskeln reagieren noch, ich steige auf, erreiche die Bruchstelle im Eis, durchstoße mit meinem Kopf die Wasseroberfläche und sauge die Luft ein. Atme, kalte, frische, unverbrauchte Luft, die meine Lungenflügel flutet. Ich spüre seine Kälte. Meine Hände und Arme liegen auf dem Eis. Mir fehlt der Griff, das Geländer, sie rutschen ab. Ich strample so gut es geht, um mich aus dem Wasser herauszuschieben. Ich müsste mich ziehen können. Nur wo?

Ich gleite wieder ins Wasser, fülle noch schnell meine Lunge mit kalter Luft. Das Wasser spüre ich nicht, die Haut schon taub. Mit gefüllter Lunge schließt sich über mir die Wasserfläche. Runde Wellen stranden an der Eiskante. Die Farben hier, wie eben, vertraut. Meine Muskeln unbeweglich, ausgekühlt, Ballast, den ich nicht nutzen kann.

Eine Bewegung wird unmöglich, ich spüre, wie die Luft in den Lungen unbrauchbar wird. Mein Körper hat den Sauerstoff rausgezogen, wartet auf einen Austausch, der aber fehlt.

Ich bin im Zeitlupenfall. Der Ausgang entfernt sich, so wie der Sauerstoff in meinen Lungen. Ich blicke nach oben. Ausatmen ohne Einatmen. Das Licht wird schwächer, Panik steigt auf, ohne Auswirkungen auf die Situation. Keine Luft, keine Kraft, mein Auge bricht, Wasser füllt meine Lungen. Es wird schwarz.

Das Wasser in der Bruchstelle im Eis beruhigt sich, wird von mir nicht weiter gestört. Die Kälte lässt es wieder erstarren. Übrig bleibt eine kleine Vertiefung. Der See hat sich seine Stille zurückgeholt, hat den Störenfried in sich begraben. Ich bin zu weit gegangen.

Für den Autor besser Regen

Den ganzen Vormittag war der Himmel blau, vereinzelt ein paar dünne Wolken, die ein wenig Maserung in die Atmosphäre malten. Dann zogen immer mehr Nebelfelder auf, verdichteten sich, wurden grauer, sanken herab. Machten alles schwerer. Die Meisen an meinem Futterhaus vor meinem Bürofenster hatten mit zunehmender Grauheit, ihre Aktivitäten zunehmend eingestellt. Vielleicht haben sie den Regen gespürt und sich vorher sattgegessen. Jetzt sitzen sie irgendwo und verdauen mit unter dem Flügel eingezogenen Kopf. Der Tag hat für sie bereits ein Aktivitätsende erreicht. Mal schauen, ob sie morgen wieder kommen.

Aus hellgrau wird grau, dann dunkelgrau. Regen setzt ein. Die Sicht in die platte, nordische Landschaft wird reduziert durch Wasserbänder die Himmel und Erdboden miteinander verbinden. In der Ferne sehen die Wasserbänder wie Nebelwände aus. Die Geräusche der Tiere sind verschwunden, werden ersetzt durch das Trommeln und Rauschen der Wassertropfen auf den letzten Blättern der Bäume.

Die Wiesen saugen sich mit dem herabfallenden Wasser auf. Überschüssiges versammelt sich in Pfützen und kleinen Seen an ihren Oberflächen und wartet darauf, dass die Tropfen unter der Erdoberfläche abfließen, damit sie hinterhergehen können. Gänse versammeln sich an den Seen auf den Feldern. Temporäre Bilder in der Landschaft. Übermorgen sind die Wasserlachen weg und mit ihnen auch die Gänse.

Wind kommt auf und treibt die Regenfäden mal hierhin, mal dorthin.

Ich drehe am Thermostat in meinem Büro, koche mir einen Kaffee, schalte meine Tiffanylampe mit den bunten Glassteinen an und bin froh heute nicht mehr raus zu müssen. Dort ist es grau, im Schreibzimmer dagegen bunt.

Auf dem Waldboden

Kleines, braunes Tierchen, niedlich anzusehen. Hoher Herzschlag, immer in Eile. Große Augen. Keine Ruhe, suchend, die Gegend beobachtend. Knackt es, rennt es. Der Bussard ist lautlos. Sein Dolchstoß ohne Entkommen. Eine Handvoll Leben, zu leicht ausgehaucht, zwischen Blättern und Ästen am Boden. Lebenserwartung nur Monate. Der Methusalem erreicht Weihnachten, die anderen gehen nach den Sommerferien. Ein heimliches Leben in einem Loch im Boden, am Fuße eines Baumes, zwischen Wurzeln. Ausgekleidet mit Blättern Moos, Haaren und Federn. Manchmal ein wenig Stoff.

Ist die Luft rein, sucht das Fellchen Futter. Wittert es Gefahr, greift es auf Vorräte zurück, bleibt versteckt. Ist die Gefahr anhaltend, verhungert es. Ein Leben im Stress. Es gibt sie überall. Manchmal sind es viele, der Bussard lacht und tanzt, teilt mit der Eule und dem Fuchs, manchmal sind sie einsam oder vertrocknet als Mumien hoch in den Bergen.

Die Ernte, ihre Zeit. Das Paradies im Jahresverlauf, dann wenn sich die ersten Pfützen auf den Feldern bilden. Der Bauer schlampig oder mitfühlend. Wer weiß? Die Saat, sein Eigentum, tragen sie ein. Kleine gehetzte Diebe, immer auf der Flucht. Der Winter wird lang, der Stoffwechsel zu schnell. Pflanzliche Nahrung ist gut, tierische wäre besser. Raubtiere sind sie nur formal.

Zuweilen ist der Mäusegott gütig. Manchmal liefert er Fleisch und Nistmaterial in Einem. Verpackt in Stücken, verteilt im Wald oder auf Wiesen. Ein Puzzle für viele. Manchmal roh, manchmal gegrillt. Sie wissen nie, wo es das nächste Mal etwas gibt. Sie wissen nicht wann. Nur wenn er kommt, preisen sie ihn. Sie lesen die Messe. Er gibt ihnen Zeichen, sie falten die Pfoten. Erst stampft er auf, ist laut, der Boden vibriert, als ob eine Welle diesen durchläuft, dann hinterlässt er Weihrauch, dann ist Ruhe. Zeichen für die Erdlochbewohner. Immer gleich. Immer die gleiche Abfolge.

Das Ritual für den gedeckten Tisch, dann wenn Vater die Glocke schlägt. Das Erntedankfest.

Sie sammeln, tragen ein und essen so viel sie können. Den Winter gilt es zu überleben. Gott ist gütig. Es stört nur der Ehering des Soldaten im Erdloch, er erinnert zu sehr an Gott.

Nicht jeder ist im selben jetzt!

Ein Satz, leider nicht von mir. Schön wäre es gewesen. Wir hasten, gefühlt immer schneller. Nicht jeder teilt das Tempo. Mancher bleibt sitzen und meditiert, damit die Seele nachkommt. Andere gehen zurück, verweigern sich dem Tempo, dass jeden Tag gefühlt zunimmt. Wieder andere feiern die Langeweile, dann wenn nichts passiert, während um sie herum, alles nur noch rennt.

Wir leben parallel voneinander entfernt. Die einen gehen nach vorne, die anderen zurück, weil es sie verunsichert, das Gefühl nicht mithalten kann. Sie brauchen das Zurück, um sich der Zukunft stellen zu können. Es ist das Gummiseil, was mich zieht, loslässt und wieder zieht. Es ist der Bungeesprung. Ich stürze mich aus der Höhe hinab in das Flusstal, tauche kurz ein, um sofort vom Seil wieder hochgezogen zu werden, nur um kurze Zeit später erneut hineinzustürzen. Immer wieder, bis ich ganz unten bin. Ein hin und her, um anzukommen.

Andere gehen mutig, kümmern sich nicht um das Zurück.

Der Fortschritt, ob gesellschaftlich oder technisch, geht ohne Schulterblick mit Scheuklappen ausgestattet nach vorne. Der Extreme kann ihm folgen, der Vorsichtige, Schüchterne, Normale schwankt zwischen Schulterblick und dem Blick vor die Füße, um nicht zu stolpern.

Geht alles gut, mag dieser Weg funktionieren. Tritt die Krise ein, suche ich den Halt, die Erfahrung, aus der ich schöpfen kann. Dann wendet sich der Blick nach Hinten, denn Erfahrungen liegen nur in der Vergangenheit. Der Radikale hat diesen Blick nicht, muss die Erfahrung immer wieder neu machen und damit den vermeidbaren Fehler.

Was bleibt ist der Zukunftsorientierte mit dem hohen Tempo, der nach vorne prescht, der fehleranfällig ist und der vermeintlich Langsamere, bedachte, der versucht Fehler zu vermeiden. Wer entwickelt sich schneller?! Oder sind wir am Ende gleich schnell und damit doch wieder im gleichen Jetzt?

Schwarzweiß

Gemütlicher Ledersessel am Schreibtisch mit dem Blick nach draußen. Die Heizung knackt, Wärme verteilt sich im Raum. Unter dem Schreibtisch die Hunde, leise schnarchend. Der Kaffee produziert lichte Dampfschwaden, die sich vor dem Fenster auflösen. Weiden mit schwarzen Pferden auf der anderen Seite des Straßendeiches. Die große Kastanie wird langsam braun. Sie verliert ihre Blätter, die Krone bereits ausgedünnt. Lichte Stellen fressen sich nach unten, nähern sich dem Stamm. Bald werden nur die kahlen Äste die Form des Baumes wiedergeben.

Die Wiesen blütenfrei grün, die Insekten vielfach schon im Pausenmodus. Sie kommen im nächsten Jahr wieder. Warten auf den Frost, der die letzten Blätter auf den Bäumen erntet, die dann den Boden zudecken. Dann wird die Landschaft grau. Der Nebel verschluckt die Farben, die Sonne tarnt sich hinter Wasserdampf, ihre Wärme erreicht uns nicht mehr. Sie wärmt jetzt andere Länder.

Das Verschwinden der Farben ist kein Mangel, sondern die Konzentration auf das Wesentliche. Der Mensch zieht sich zurück. Die Farben des Sonnenuntergangs sammeln sich im Kaminfeuer, vor dem wir abends sitzen. Die Wärme ist die Gleiche, aber komprimiert auf eine kleine Brennkammer.

Wir folgen der Wärme, raus aus dem Außen, rein ins Innen. Wir sind wie der Igel, der sich zurückzieht in seinen Bau.

Draußen wird es dunkler, stiller, mystischer. Die Zeit der Fotografie beginnt, dann wenn das Leben sich zurückzieht und die Bilder die Stille und Einsamkeit wiedergeben.

Vor dem Fenster fällt im Herbstwind ein gelbes Blatt auf dem Boden und deckt eine Schnecke zu.

Abends, dann wenn es still wird

„Der Tag ist angefüllt mit dies und das. Eher, ich habe ihn gefüttert, versucht alles hineinzupacken, Arbeit, Aufgaben, Gespräche und Termine, damit die Gedanken auf dem Weg bleiben, nicht nach rechts oder links ausbrechen. Ich muss sie zügeln, sie eng führen, will ich nicht in die Löcher am Wegesrand stürzen. Es ist der Weg über eine schmale Deichkrone. Eine falscher Tritt und aus dem Gang wird ein Straucheln. Und ein Straucheln geht immer nur bergab.

Der Weg ist mühsam, er kostet unendlich viel Kraft. Ich denke geradeaus, damit ich nicht in Schleifen denken muss. Diese Art von Gedanken, die zu nichts führen, als zur Wiederholung der Wiederholung, an die man sich aber heftet, um nichts zu vergessen. Ist es hell, habe ich eine Chance, den Weg zu gehen, weil ich ihn sehen kann. Wird es dunkel, beginnt der eigentliche Kampf, dabei habe ich schon den ganzen Tag gekämpft. Es sieht keiner. Das Display auf meiner Stirn ist ausgeschaltet. Ich laufe den täglichen Marathon, um Abends in ein Endspiel einzusteigen.

Dann, wenn es abends still wird, beginnen die Schreie in meinem Kopf. Die Stille brüllt, setzt mir zu, stößt mich dahin und dorthin. Prügelt auf mich ein, bis ich grün und blau am Boden liege, bis jemand nur scheinbar gütig ist und mich durch den Schlaf erlöst, in dem mich dann die Träume jagen, damit ich nicht zur Ruhe komme. Nur, um dann am nächsten Morgen völlig erschöpft, mein Tagewerk zu starten, das wieder der Marathon ist, dieser unbarmherzige Lauf, der mich zum abendlichen Endspiel führt. Tagein und tagaus.“

Bilder aus dem Leben eines Trauernden. Sie brauchen kein Mitleid, kein Klopfen auf die Schulter. Das was sie brauchen ist die Servicestation unterwegs, die Energiedrinks und Schokoriegel bereithält, die die Massage anbietet, damit sie weiter laufen können, denn der Marathon ist ihr Lauf, den ihnen keiner abnehmen kann. Auch nicht das abendliche Endspiel, das sie selber spielen müssen. Sie brauchen zuweilen den Coach, der sie auf der Bahn hält, der ihnen taktische Anweisungen geben kann, damit sie den Wettkampf mit sich gewinnen können. Aber der Coach steht immer nur an der Außenlinie, nimmt am Spiel nicht teil.

Drohnenperspektive

Offene, weite Landschaft. Wenige Bäume, keine Wälder, allenfalls sind kleine Gebüschgruppen eingestreut, dafür Wiesen mit Trichtern. Viele Trichter, teilweise gefüllt mit Regenwasser, noch ohne Frösche, vielleicht im nächsten Jahr. Sie sind noch nicht eingewandert. Andere schon. Sind täglich hier und schaffen neue Trichter. Spuren wie Feldwege durchziehen die Ebene, kreuz und quer, wie ein Spinnennetz. Die Landschaft bretteben, graubraun, nicht bunt. Ich fliege, wie ein großes Auge, über sie hinweg. Surre lautlos, schaue mal dorthin, mal dahin, schaue nach unten, bleibe stehen in der Luft, steige auf, steige ab, um mir eine Kleinigkeit unten am Boden genauer ansehen zu können.

Ich bin eine handelsübliche Drohne, unter mir hängt eine Handgranate, schaukelt durch meine Flugbewegungen mal nach rechts, mal nach links, mal nach vorne, mal nach sie wissen schon.

Ich bin schnell, rase dahin, mich steuert irgendwer, von irgendwo.

Unter mir ein Gehölzriegel. Ich sinke, schaue mir alles gut an, finde einen russischen Panzer. Steige auf, warte und beobachte. Die Luke öffnet sich, ein grünbehelmter Mensch ohne Gesicht erscheint, sucht die Ebene mit einem Fernglas ab. Verschwindet wieder in seinem Panzer, die Luke bleibt geöffnet. Er muss lüften, Männerschweiß in einer Sardinendose, einer hat gefurzt.

Ich sinke, versuche mich über die geöffnete Luke zu positionieren, meine Kamera fokussiert, richtet aus, filmt, dokumentiert, tonlos. Die Handgranate unter mir schaukelt, beruhigt sich, bleibt in Lage. Ich löse den Verschluss über meine Fernbedienung, die Granate fällt. Freier Fall, ausgerichtet über die Luke. Die Kamera filmt den Absturz der Granate. Kaum größer als eine Apfelsine. Sie wird kleiner und kleiner, verschwindet in der Luke, perfekt gezielt, explodiert.

Ich steige auf, ein kurzer Blitz, dann ein wenig Rauch, der die Luke verlässt. Ich steige weiter auf, immer noch tonlos, weiche etwas seitlich aus. Bessere Perspektive für das Gesamtbild. Aus dem Rauch wird Feuer, die Munition innerhalb des Panzers entzündet sich, aus fackelndem Feuer werden Feuerstrahlen, der Panzer explodiert. Nicht sofort, alles dauert, ist eine chemische Reaktion. Durchzünden.

Mein Einsatz: eine Steuerperson, eine Granate Wert 45 $, eine Drohne Wert 750 $.

Mein Ergebnis: ein Panzer T-14 Armata Wert 7 Mio. $ zerstört, drei Personen aus dem Spiel genommen, wie es mal Prinz Harry sagte.

Kosten-Nutzen-Analyse positiv, eigene Verluste Null.

Die Kamera schwenkt zur Seite, fliegt zurück über offene Landschaften, bretteben, graubraun, wortlos, tonlos, damit ich nicht höre, wie drei Menschen erst verletzt werden, ihnen Arme und Beine abgerissen werden und dann verbrennen bei lebendigem Leib, weil sie nicht flüchten können. Ihre Schreie vor Schmerzen, bis sie sterben dürfen, wenn der Panzer endlich explodiert und sie in Stücke reißt, höre ich nicht. Sie frei sind, ihre Mütter zu Hause in sich zusammensacken, weil sie ihre Söhne verloren haben, die Frauen ihre Männer, die Kinder ihre Väter. Ein Grab wird es nicht geben, was soll auch beerdigt werden. Das, was übrigbleibt, holen sich zwei Elstern, ein Fuchs und vier Mäuse. Der Rest für die Regenwürmer. Ein Brief wird kommen, vielleicht. Wir danken für ihren Einsatz. Dürre Worte, maschinell erstellt, als letzte Verbindung, Serienbrief.

Wir sind Zuschauer, immer wieder, kostenlos, täglich, trinken dabei Kaffee, beißen in unser Schokocroissant. Warten darauf, ob doch noch einer aus dem brennenden Panzer springen kann und vor unseren Augen verbrennt. Ja, wieder drei Russen weniger, während zur gleichen Zeit drei Ukrainer auf eine Landmine fahren, irgendwo, ohne Drohnenaufnahme. Sie werden ein paar Tage später gefunden, weil die Krähen eine kostenlose Futterstelle gefunden haben.

Sinnlosigkeiten ohne Ende. Zum Glück tonlos, sonst wäre es vielleicht doch nicht auszuhalten und mir würde der Kaffee nicht schmecken. Es wäre auch zu Schade um das Schokocroissant, das schmeckt am besten frisch.

veröffentlich bei: https://www.pressenet.info/essay/drohnenperspektive-essay-martin-kreuels.html

Bewertung

Auf meiner täglichen Lektüre auf den Plattformen, als Zeitungsersatz, gehört am Sonntag auch die Kolumne von KT zu Guttenberg dazu. Ich mag seinen Schreibstil. Man kann ja zu ihm stehen, wie man will, aber er beobachtet seine Umgebung. Die Kleinigkeiten am Wegesrand. Das was mich interessiert, das Detail.

Heute geht es um Unvoreingenommenheit. Ein sperriges Wort.

Die Medien bieten es uns frei Haus. Wollen wir Jemanden treffen, den wir noch nicht kennen, Googlen wir kurz, sammeln ein paar digitale Eindrücke und gehen mit diesen in das Gespräch. Wir werden hellhörig, wenn wir im Netz nichts finden. Das ist schon ein erster negativer Eindruck, obwohl wir gar nichts gefunden haben. Dem Gegenüber müssten wir doch vorurteilsfrei entgegentreten können, denn wir haben ja gar keine Informationen. Aber nein, keine Infos im Netz, holla die Waldfee, was wird das für ein Zeitgenosse sein.

Dabei beziehen wir uns bei der Recherche auf Informationen anderer, die wir gegenprüfen müssten. Tun wir das? Nein, normalerweise nicht. Das heißt aber, dass wir geführt in das Gespräch gehen und die gewonnenen Informationen erst einmal mit dem abgleichen müssen, was wir selber wahrnehmen.

Ist das fair?

Und die zweite Frage: Verschwenden wir nicht unnötig Zeit? Ich will mir doch selber einen Eindruck verschaffen.

Und die dritte Frage: Positionieren wir unseren Gesprächspartner damit nicht schon auf eine imaginäre Anklagebank?

Die Kultur des Misstrauens führt dazu, dass wir uns immer und überall absichern wollen. Es kann ja auch der Lump sein, auf den wir treffen. Ich muss mich absichern, um gewappnet zu sein. Ja, möglich, kann aber auch ein netter Zeitgenosse sein. Ich würde behaupten, dass die Wahrscheinlichkeit, dass es kein Lump ist, höher ist.

Glücksbringerlüge

Guten Tag, ich heiße Danlyo. Ich wohne in Fastiw, ein bisschen näher bei euch als Kiew. Meine Eltern und ich leben in der Ivana Stupaka Straße, dort wo die hohen Häuser stehen. Mein Vater hat da eine Garage, in dem mein altes Kinderbettchen steht, als ich noch kleiner war. Jetzt brauche ich es nicht mehr, ich bin ja schon groß. Nächste Woche werde ich zehn. Seine Autoreifen hat er dort auch hingelegt und viele andere Sachen, die wir nicht mehr brauchen. In der Garage steht auch ein kleiner Schrank. Dafür hat er einen Schlüssel, den er an einer Kette um den Hals trägt. Mama darf da auch nicht dran.

Ich erzähle euch das, weil ich da gerade mit Papa bin. Er hat heute seine grünen Sachen angezogen, die er auch zum Angeln anzieht. Er sagt, dass man sich tarnen muss, damit die Fische einen nicht sehen. Ich glaube er schwindelt, denn Fische gucken doch nur unter Wasser. Seine Angelsachen will er aber heute nicht, sondern seinen Rucksack und viel Zeug, was er da reinpackt. Mit Mama hat er sich gestritten. Die hat dann geweint und ist nicht mit zur Garage gekommen. Ich hatte ein bisschen Angst, als die sich gestritten haben. Ich habe dann meine Puppe mitgenommen, Tilli, die mit den roten Haaren. Die kann auch Musik machen. Die halte ich immer fest, wenn ich Angst habe. Die ist so weich und lächelt.

Jetzt stehen Papa und ich in der Garage und Papa zieht seinen Schlüssel über den Kopf. Er will an den Schrank. Ich bin schon ganz gespannt, was da wohl drin ist. Er öffnet die Türe und ach schade. Da ist nur Papier drin, ein paar Dosen und hinten in der Ecke, oben rechts, ein Messer. Das will er haben. Er schließt die Türe und hängt sich den Schlüssel wieder um den Hals. Dann gibt er mir das Messer, damit ich mir das ansehen kann. Es ist groß und schwer in einer ledernen Scheide. Das hätte ich auch gerne. Vielleicht bekomme ich das ja später mal, sagt er.

Das sei sein Glücksbringer. Jetzt verstehe ich auch, warum wir immer nur kleine Fische fangen. Das Messer sehe ich nämlich heute das erste Mal.

Wir gehen zurück zu Mama, die immer noch weint. Die beiden sagen nichts, schauen sich nur an und auch bei Papa fällt eine Träne auf seine grüne Jacke. Dann schaut er mich an, streichelt mir mit seinen großen, rauen Händen über den Kopf und geht. Als die Türe zu ist, weint Mama noch mehr.

Später kommen noch meine Großeltern und wir essen was zusammen, aber lustig wurde es nicht mehr. Mama hatte keinen Hunger. Morgen ist Schule.

Papa ist nicht wieder gekommen. Mama hat mal Post bekommen und ist ohnmächtig geworden. Oma und Opa sind dann ein paar Tage geblieben.

Ich glaube, ich lege Tilli auch bald in die Garage. Es ist manchmal besser sich auch über kleine Fische zu freuen. Ich vermisse ihn.

Zwischen Deich und Wasserkante

Mittagszeit, gleich ist Hochwasser. Ich war eine Woche nicht raus und will ans Wasser, Meeresluft riechen, Wasser sehen. Mein Seelenelixiere. Vor mir hundert Meter Wiese, vorgelagert vor dem Deich, dann kommt das Meer. Auf der Wiese, wie hier üblich, Kühe, zwei Hasen und Vögel. Viele Vögel. Auf dem Deich stehen Schafe mit Locken. Der Wind ist stramm, noch nicht der Blanke Hans, aber sicherlich ein Neffe von ihm. Ein paar Bauern haben wohl den Wetterbericht verfolgt und versuchen ihre Kühe von der Weide zu treiben. Das Wasser läuft auf und hat schon das Ufer überspült. Langsam dringt es über die Vertiefungen in die Wiese ein.

Die Kühe sind, bis auf eine, folgsam. Sie laufen gemächlich zum Deich, damit er sie auf die andere Seite bringen kann. Nur eben diese eine nicht.

Das Wasser überflutet erstaunlich schnell die Wiese. Keine fünfzehn Minuten später steht alles unter Wasser und das auf einer Fläche von vielen Fußballfeldern.

Entweder ist sie in Panik oder doch näher mit den Robben verwandt, als alle denken, zumindest wählt sie den direkten Weg ins Wasser. Panisch erscheint sie mir von meinem Aussichtspunkt auf der Deichkrone nicht, eher lustlos auf die Deichüberquerung. Der Bauer, erst einer, dann zwei, dann drei, versuchen sie zu überreden, sich den anderen anzuschließen. Sie will nicht, läuft weiter ins Wasser hinein. Die Bauern hinterher.

Das Wasser steigt und kitzelt mittlerweile die Kuh am Bauch. Den Bauern reicht das Wasser bis zur Hüfte. Die Gummistiefel werden zu Aquarien. Jetzt setzt Regen und Hagel ein, die Kuh will schwimmen. Die Bauern nicht. Zwei von ihnen treiben die Herde über den Deich in Sicherheit. Einer versucht sich noch an der einzelnen Kuh, die immer noch keine Lust hat.

Ich fotografiere die skurrile Szenerie, die etwas vom Doktor und dem lieben Vieh hat, als er plötzlich hinter mir steht und mir energisch zuruft, ich solle die Bilder löschen. Wir beginnen ein Gespräch, in dem ich erfahre, dass die Bevölkerung diese Bilder nicht sehen will. Ich beschwichtige, weil es ja nicht seine Schuld sei, wenn sie nicht will. Ich hatte ja alles beobachtet. Langsam beruhigt er sich, sieht, dass ich ihm nichts will. Er ist fix und fertig, zerzauste Haare, triefend nasser Blaumann, ausgekühlt, besorgt, gestresst. Er versucht ja alles, aber wenn das Vieh nicht will, dann will es nicht. Störrisches Tier.

Er läuft den Deich wieder runter, zerschneidet alle paar Meter den Zaun, damit die Kuh doch noch auf den Deich laufen kann. Den muss er nachher auch noch wieder flicken, sonst kann er die Weide nicht nutzen.

Nicht alle Landwirte sind Industriemagnaten. Für viele ist es wichtig jede einzelne Kuh zu umsorgen, damit sie zusammen den Betrieb erhalten können. Vielleicht ist er ganz froh, dass die Kuh nur hinter dem Deich geflüchtet ist und nicht dort, wo ihn alle sehen können. Er konnte nichts dafür, aber das wollen die Meisten nicht sehen und nicht hören. Die Bauern sind meistens die Dummen.

Die Kuh wollte auch später nicht, vielleicht schmeckt ihre Milch ein wenig salzig, vielleicht fand sie es auch lustig heute die Trainingsleitung ihres Bauern übernommen zu haben. Für sie war es nur die verkehrte Welt oder die nasse Rache dafür, immer auf dieser Wiese zu stehen.

Das Maisfeld

Mitte Oktober. Hinter meinem Gartenzaun steht noch der Mais. Zwei Meter hoch ist diese Wand, die im Wind hin und her rauscht. Ich bin dreißig Zentimeter kleiner, also schaue ich dagegen, nicht darüber. Ich müsste mich bewegen, springen, um darüber zu schauen. Warum? Dort steht er nun seit Monaten. Mein Horizont endet drei Meter hinter dem Zaun. Hören ja, sehen nein. Die Geräusche und Töne in den vergangenen Monaten, meistens nachts, die aus ihm kamen, kann ich nur zum Teil zuordnen. Der Rest bleibt Fantasie. Bunte Bilder in meinem Kopf. Heute brummt es dort. Die Hunde werden nervös. Sie sind nur dreißig Zentimeter hoch. Für sie ist die Wand, deren oberes Ende ich sehen kann, das Plateau. Unerreichbare Tepuis in Ostfriesland.

Schwere Maschinen ernten. Maissilage für die Kühe, die hier überall auf den Wiesen teilnahmslos stehen. Aus zwei Metern Höhe werden zwanzig Zentimeter Stoppeln. Die Ebene, die mir Monate lang verstellt war, nun sichtbar. Die Hunde sind verblüfft, denn sie sind zehn Zentimeter höher als die Stoppeln, die als abgeschnittene Beine aus dem Feld ragen. Maislinien nebeneinander, wie mit dem Lineal gezogen.

Der Bauer hat ordentlich geliefert. Reihe für Reihe hat er die Maiskörner in den Boden gebracht. Eine militärische Ordnung in der Ebene. Sie stehen stramm, wachsen gerade, werden versorgt, schießen im Laufe des Jahres hoch. Sie trotzen den Stürmen, die versuchen sie zu brechen, wehren sich gegen Hagelbeschuss, der die Blätter durchschlägt, einzelne Kolben abreisst. Sie stehen gegen den Befall von Parasiten zusammen, die Wildschweine im Feld entnehmen nur wenige von ihnen. Die Armee der grünen Riesen bleibt erhalten, fällt nicht.

Doch dann kommt eine Macht und ist stärker, zerfetzt sie zu einer undefinierbaren Masse und schafft sie fort, bedeckt sie mit einer Plane.

Übrig bleiben die abgeschnittenen Beine, zwischen denen die hungrigen Vögel nach Resten suchen. Überbleibsel einer großen, viele tausendköpfigen Armee der grünen Riesen.

Ist das euer Ernst?

Gestern war Kassenprüfung. Ihr wisst, wie das ist. Es gibt zwei Möglichkeiten. Der Kassenprüfer hat keine Lust und ist einem wohlgesonnen, dann ist der Spaß in 30 Minuten vorbei und wir haben viel gelacht. Aber denkt nicht drüber nach, wenn das Gegenteil der Fall ist. Es geht mir nicht darum, dass geprüft wird. Es ist Teil des Geschäfts, dafür werde ich bezahlt.

Man kann auch über das Wie und in welchem Ton sprechen. Kann man, kann man aber auch lassen.

Es geht mir darum, welcher Umfang Misstrauen mittlerweile Teil des Geschäfts und damit des Alltags ist. Grundsätzlich wird nicht das Positive gesehen, sondern nur der Betrug, der in allem schlummert. Überall scheint es nur noch Verbrecher zu geben, die es gilt zu überführen, man gehört ja zu den Guten. Deshalb ist man ja in der Position des Prüfenden.

Oder ist es ein Gefühl von Macht, die man in diesem Augenblick ausspielen kann, wenn ich jemanden überprüfen darf. Auch das wäre eine Option.

Der Mensch wünscht sich Kontinuität. Wie sagt es immer mein bester Kumpel: "Gut ist es, wenn das Leben langweilig ist." Besser keine Hast, kein Stress, keine Aufregung.

Es ist Teil unserer Geschichte, in der wir die meiste Zeit die gleichen Bedingungen vorfanden, abgesehen von täglichen kleinen Aufregern, wenn mal die Kuh abgehauen ist. Diese Zeiten sind vorbei. Die Kriege werden gefühlt täglich mehr, der nächste Flächenbrand kündigt sich im östlichen Mittelmeer an und eigentlich wollen wir doch nur jetzt im Herbst ruhig in der Wolldecke eingehüllt vor dem heimischen Kamin sitzen und einen Glühwein trinken, dabei ins Feuer schauen und uns Geschichten erzählen, wenn es draußen stürmt und regnet.

Die Realität ist aber, dass die Wolldecke brennt.

Lernen durch Schmerz

Die Kinderbuchautorin Cornelia Funke sagte in einem ZEIT-Interview:

"Nach dem Tod meines Mannes konnte ich besser schreiben als zuvor und dachte: Das ist doch der letzte Dreck! Dieses Leben ist so eingerichtet, dass wir durch Schmerz lernen? Was für eine Gemeinheit!"

Es hat wie immer zwei Seiten. Die eine Seite ist, dass es als ungerecht wahrgenommen wird. Und die andere Seite ist, dass es was mit uns macht und zwar tatsächlich nachweisbar im Körper. Es gibt Studien, die besagen, dass einschneidende Erlebnisse dazu führen, dass sich Neuverschaltungen im Gehirn ergeben können, da es durch dieses Erlebnis zu grundlegenden Änderungen im Leben kommt. Neue Wege müssen erlernt und einstudiert werden und dadurch ergibt sich eine Neusortierung in neuronalen Bereichen. Im vorliegenden Fall hatte dies Auswirkungen auf die Schreibfähigkeiten von Cornelia Funke. Sie hat mittlerweile eine Gesamtauflage von 20 Millionen Bücher in 37 Sprachen erreicht.

Leider lässt sich nicht vorhersehen, wohin sich einschneidende Erlebnisse entwickeln. Die Veränderungen müssen auch nicht immer positiv sein, sondern können auch ins Gegenteil verlaufen. Es scheint aber gesichert zu sein, dass es  körperliche Veränderungen gibt. Erfahrungen haben biologischen Einfluss und verändern uns nicht nur hinsichtlich unserer Einstellungen und Gedanken, sondern auch auf biologischer Ebene.

Eine Frage an die unter uns, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben: Was hat sich bei euch geändert?
 

Die Augen rechts

Es war absehbar und dennoch konnte es keiner verhindern. Die Rechten bauen ihren Anteil immer mehr aus. Ein schleichender Prozess, der seit zwei Jahrzehnten zu beobachten ist, dessen Tendenz eine eindeutige Richtung hat. Dabei diskutieren wir immer wieder, was wir in Deutschland falsch machen. Ich glaube, der Gedanke greift zu kurz, denn die Tendenz ist nicht nur typisch deutsch, sondern ein europäisches Phänomen, auch wenn es hier natürlich genügend Baustellen gibt, die wir mal auflösen sollten. Mittlerweile gibt es eine Reihe Länder in Europa, die von rechten Parteien geführt werden.

Die Erklärungsversuche sind dabei logisch und nachvollziehbar. Ich möchte eine weitere Hypothese hinzufügen.

99 % unser Zeit in der Menschheitsgeschichte waren wir Jäger und Sammler und nur für ein 1 % der Zeit befinden wir uns im Zeitalter des sogenannten modernen Menschen. Schauen wir zurück, was in den letzten ca. 300 Jahren passiert ist, sind dies Entwicklungen, die in ihrer Geschwindigkeit exponentiell zu verorten sind. Es ist nicht nur eine rasante Entwicklung, sondern sie ist fast schon unkontrollierbar schnell. Es gibt extrem viele positive Dinge, die in dieser Zeit passiert sind, es gibt aber auch unglaublich viele neue Probleme, die entstanden sind. Sie aufzuzählen würde den Rahmen sprengen. Problem ist dabei nicht, dass es mal einen Einzelnen trifft, sondern wir sind an einem Punkt angekommen, der immer häufiger die Menschheit im großen Stile betrifft und wenn nicht diese in Gänze, dann doch einen großen Anteil oder eine Region. Was folgt ist schleichende Unruhe, die sich unterschwellig ausbreitet und dazu führt, dass konservatives Gedankengut in den Wunschbereich tritt, weil man hier annimmt, dass Stabilität gewährleistet wird. Die Anzahl der Veränderungen führt zu Ängsten.

Kann man das beobachten?

Ein Beispiel: In stabilen Phasen werden mehr Jungen, als Mädchen geboren. Zur Zeit des Mauerfalls drehte sich das Verhältnis für ein paar Jahre um. Es wurden mehr Mädchen als Jungen geboren. Naturwissenschaftlich lässt sich das folgendermaßen erklären: Will eine Population überleben, ist es wichtig eine ausreichende Zahl Frauen zu haben, da nur diese gewährleisten können, dass es genügend Nachkommen gibt. Sie sichern die Population ab, da die Männer einen nicht so großen Einfluss auf den Erhalt haben. Der Energieaufwand Nachkommen zu bekommen ist für die Frauen ungleich größer, als für die Männer. Das Phänomen trat auch bei anderen Ereignissen in der Menschheitsgeschichte immer wieder auf. Wie so ein Phänomen gesteuert wird, ist bisher unklar. Es zeigt aber, dass auf Ereignisse, wir als Menschen nach naturwissenschaftlichen Gesetzmäßigkeiten reagieren.

Zwar werden wir immer wieder so dargestellt, als ob diese Phänomene nicht für uns gelten würden, aber hier irren die Kritiker. Nehmen wir als weiteres Beispiel einfach mal ein traumatisches Ereignis. Bei Menschen, die in den Konzentrationslagern der Nazis gefangen gehalten wurden, konnten Veränderungen am Erbgut nachgewiesen werden, nicht weil sie Chemikalien ausgesetzt waren, sondern weil die Ereignisse so tiefgreifend waren, dass der einzelne Organismus darauf reagierte und zwar jede einzelne Zelle! Menschengemachte Ereignisse haben direkten Einfluß auf unsere Biologie. Als Stichwort sei nur die #Epigenetik genannt und genauso ist es auch anders herum. Die Biologie ist Teil von uns und sie hat Einfluß. Und wenn sie Einfluß hat, birgt sie auch Chancen.

Was folgt daraus: Bei all den Problemen, die aktuell anstehen, scheint es immer wichtiger zu werden, die Vogelperspektive einzunehmen, um Tendenzen aus der naturwissenschaftlichen Sicht zu betrachten. Wir sind und bleiben Säugetiere, die sich über Millionen von Jahren entwickelt haben. Der heutige Mensch ist die Quintessenz dieser Entwicklung und damit greifen urtypische Verhaltensweisen, die auch schon von David K. Buss in zahlreichen Büchern zum menschlichen Verhalten beschrieben wurden. Vielleicht gibt es dabei Ansätze, die uns aus dem klein klein herausführen, denn letztlich geht es um uns.

Ich weiß es nicht

Es treibt mich um und ich kann es noch nicht greifen. Ich liege hier nach einer vergleichbar kleinen OP und bin etwas aus dem Alltagstrott herausgenommen. Eine luxuriöse Situation, Pause machen zu dürfen bei einer laufenden Heizung und einem gefüllten Kühlschrank im eigenen Haus. Meine liebe Frau, immer besorgt um mich, ermahnt mich, ich soll gefälligst auf die Couch gehen mich schonen. Gott sei Dank, hat ein großer Konzern das Tablet erfunden. So kann ich weiter machen, weiter denken, weiter schreiben, damit ich vielleicht doch noch dahinter komme, was mich umtreibt, es greifen zu können. Nur an die Decke zu starren, ist nichts für mich und den Fernseher als Berieselungsmaschine mag ich auch gerade nicht.

In den Nachrichten berichten sie vom diesjährigen Literaturnobelpreisträger Jon Fosse, der der Stille einen Namen gibt.

Ich lese einen Beitrag von Jeannette Hagen zu dem neuen Film von Arndt Ginzel (White Angel) und denke mir dabei: Ja, und wir sitzen hier warm und weich und reden darüber, wie wir besser Werbung für unser Business machen können, oder warum der Hashtag nicht zum Logo passt. Oder warum das vergangene Oktoberfest ein guter Anlass gewesen wäre, seinen Sozial Media-Post in eine große Öffentlichkeit zu bringen. Unwichtiger Mist.

Am Sonntag sind Wahlen und alle Reden vom Rechtsruck hin zu einer Partei, die nahe zu einem Mann steht, der Bomben auf Zivilisten werfen lässt, nur um sein Territorium zu erweitern. Gerade berichtet n-tv vom Angriff auf Israel.

Und bei all den Gedanken, überlege ich, wo mein Platz ist. Ich will nicht über eine Party schreiben oder ein neues Auto mit hunderten PS. Das was ich will ist Schreiben, aber es soll einen Mehrwert haben. Ist das in meiner Position Hohn?

Es geht aber auch nicht um düstere, apokalyptische Gedanken, sondern darum, wie wir als Gemeinschaft ein Umdenken schaffen, um weg zu kommen von der Oberflächlichkeit, aber auch weg vom Zaudern. Eine gemeinschaftliche Entscheidung zu treffen, um etwas zu bewegen.

Da draußen sind Menschen, die immer wieder diese Bilder, das nicht Schöne zeigen, dass, was noch nicht gut ist, woran wir arbeiten müssen, damit es besser wird. Sie geben denen eine Stimme, die nicht den Luxus einer Couch, einer Heizung und eines gefüllten Kühlschrankes haben. Jetzt liegt es an uns. Hinweise gibt es genug.

Melancholie und der Autor

Niedergeschlagenheit, Kunstform, Getue, Zeitgeist, Beginn einer Krankheit, regionales Phänomen, Depression…ah ja, was ist es denn nun? Der Deutschlandfunk (09.12.2018) widmet der Melancholie eine ausführliche Darstellung und bemüht dabei das Gemeinschaftswissen. Aber das Ergebnis bleibt im Nebel, zu viele Möglichkeiten, zu viele Wenns und Abers. Jon Fosse dem diesjährigen Nobelpreisträger für Literatur wird eine Nähe zur Melancholie attestiert.

Also doch nicht negativ und medizinisch zu behandeln, sondern eher eine Grundlage für Kreativität? Oder ist es nur die Vorstufe zur medizinischen Indikation?

Aus der Sicht der Kunst behaupte ich, dass es ein Zustand ist, der uns befähigt in einer bestimmten Stimmungslage unsere Kreativität zu leben. Andere brauchen den euphorisierenden Zustand, wie dem nach gutem Sex oder nach einem Glas Rotwein oder der untergehenden Sonne am Meer.

Was ich sagen will ist, dass es ein nutzbarer Teil sein kann. Und wenn wir jetzt mal neutral bleiben, kann es ein Tool sein, welches wir nicht bewerten sollten, auch eingedenk der möglichen Folgen, die ich hier nicht aufgreifen möchte.

Und ist seine Nutzung so verwerflich? Nein! Jedes Naturvolk hat seine Riten, um sich in einem bestimmten Zustand zu begeben. Rennen dort Scharen von Therapeuten hin, um die heute noch verbliebenden Urvölker zu therapieren? Natürlich nicht. Ganz im Gegenteil sitzen wir abends doch zu gerne und staunend vor der Glotze und hören uns die Berichte an. Insgeheim denken wir aber dann, das sind ja Urvölker, Relikte der Vergangenheit, die ihren Bezug zur Realität verloren haben. Ach ja, ist das so?

Randnotiz: Wenn man die Menschheitsgeschichte in ihrer Gesamtheit betrachtet, waren wir von diesem Zeitraum 99 % Jäger und Sammler und nur 1 % ist das was wir heute den „modernen“ Menschen nennen. Erstaunlich wenig, aber erstaunlich viel, was wir meinen bewerten zu müssen.

Und nun? Kommen wir noch mal zurück. Es ist die Schwingung im Kopf, die wir nutzen, um Bilder zu sehen, die Trance die wir erreichen wollen oder den Tanz. Wir können sie beim Klang der Schamanentrommel sogar auf das physikalische Hertz herunterbrechen, die das Gehirn in einem bestimmten Zustand führt.

Und so ist es wie so häufig. Es ist ein Teil von dem einen oder anderen. Der eine wird schlussendlich krank, der andere nutzt es für seine Kreativität, indem er immer wieder diesen Zustand sucht, um damit Bereiche im Gehirn zu aktivieren, die seinen kreativen Prozess fördern. Es hat immer zwei Seiten und vielleicht ist es dann doch die Balance, die wir schaffen müssen, wenn wir kreativ bleiben wollen, um nicht ins Extreme zu verfallen, wobei, ich überlege gerade, wir auch dort Zeitgenossen haben, die genau das Extreme suchen, um ihre ganz eigene Kreativität zu leben.

Was benötigt ihr denn für einen Zustand, um eure Kreativität zu entfalten? Sagt doch mal!

Surfschule

Leichter Wind. Wasser, Strand, Holzhütte, wettergegerbtes Holz. Die dunkelgrüne Farbe ist abgeblättert, hier und dort ist das Holz ein wenig morsch, Algen und Flechten haben Besitz von seiner Oberfläche genommen. Surfbretter, Segel, Neoprenanzüge reihen sich aneinander, sind sortiert wie das Besteck in der Schublade. Lachende, braungebrannte Menschen stehen zusammen. Lange Haare tragen sie hier alle, ob Frauen oder Männer. Einige rauchen, andere trinken entspannt ein Bier oder halten eine Kaffeetasse vor dem Bauch. Die Temperaturen sind angenehm warm, wie das Wasser. Keine Hektik, kein Stress, kein Zeitdruck, Wochenendfeeling am Dienstag.

Junge Menschen stehen auf Brettern an Land, üben die Haltung der Segel. Eine Lachmöwe fliegt kommentierend vorbei. Ein Blässhuhn auf dem Wasser antwortet, die Möwe entspricht ihrem Namen und handelt danach. Das Huhn dreht ab. Die Szene ist ausreichend besprochen.

Ein paar Meter weiter zieht Rauch gen Himmel, der Duft von Bratwürstchen zieht an uns vorbei. Mir läuft das Wasser im Mund zusammen, obwohl ich Vegetarier bin.

Es ist Mittagszeit, die Sonne steht über mir. Ruhepause im Urlaubsmodus, als ob diese gerade notwendig wäre. Vor mir tänzelt eine Bachstelze. Eine Rauchschwalbe fliegt über der Wasseroberfläche und nimmt einen Schluck.

Die Surfschule, ein eingetragenes Unternehmen, in Deutschland registriert und amtlich geprüft. Die Lehrer zertifiziert, geprüft mit Nachweis. Der DIN-Norm entsprechend vom TÜV abgenommen, die Akte mit den Dokumenten steht in der Holzhütte, hinter den Gummianzügen, die die Surfer vor der Kälte des Wassers schützen soll, die hier den Sand von den Akten abhält. Die Akten deutsche Notwendigkeiten für die Betreiber unwichtig.

Neben mir am Ufer, legt ein Paddelboot an. Zwei Urlauber steigen lächelnd aus, der Bootsverleih nimmt das Boot und stellt es zu den anderen. Eine Ameise läuft über meine Tastatur, während ich hier schreibe.

Die Surfschule, Ausdruck eines Lebensgefühls von Freiheit, Sonne und Wärme. Der Betreiber kurz vor Rente, geht täglich nicht zur Arbeit, sondern geht seinem Leben nach. Öffnungszeiten gibt es nicht, entweder er ist da oder nicht. Der Kunde besteht nur aus einem Vornamen.

So geht auch Arbeiten! Guten Morgen Deutschland

Die Welt der Experten

Experten, soweit wir sehen können. Jede Talkshow ist voll davon. Dort eine Meinung, dort ein Statement. Da eine Hiobsbotschaft, dort ein guter Rat, wie doch noch alles zu retten ist. Den ganzen Tag auf jedem Sender. 24/7. Gefühlt stehen wir immer am Abgrund, noch einen Schritt weiter und wir stürzen. Der Untergang ist nah.

Klar, wir stehen heute in vielen Belangen nicht gut dar und wir steuern sicherlich auf Dinge zu, die nicht gut für uns sind. Jeder einzelne macht es ja auch nicht gut, überall Verbesserungsvorschläge, für jeden Aspekt des Lebens. Das Business könnte besser laufen, weil du machst das und das nicht richtig. Wenn du aber mir folgst, wird dein Leben besser werden, wirst du mehr Umsatz machen, wirst du in kurzer Zeit gar nicht mehr arbeiten müssen. Wir wissen immer alles besser für unseren Nächsten, als ob der nicht selber nachdenken kann. Ne, kann er ja nicht, weil ich es ja besser weiß.

Letztlich trifft doch jeder seine eigene Entscheidung oder sollte es doch tun. Oder?

Manchmal sitze ich in meinem Kämmerlein und schaue auf die Wiese vor meinem Haus, wo der Nachbarhof drei große schwarze Pferde stehen hat, die sich morgens parallel zur Sonne aufstellen, um die ersten wärmenden Strahlen einzusammeln und denke mir: So viele Experten überall und uns geht es schlecht und es wird auch täglich nicht besser. Wenn das so weiter geht laufen wir noch auf eine gemeinschaftliche Depression zu. Passt das alles zusammen, wenn wir doch so viele Fachleute haben?

Was taugt das Expertenwissen, wenn ich täglich mehr von ihnen brauche, weil alles gefühlt schlechter wird?

Was bringt uns als Menschen dann wirklich voran? Ist es die Kultur oder die Wissenschaft? Oder bedingt das eine das andere? Sagt doch mal!

Leere

Die Kaffeetasse macht Sinn, wenn ich ihren Hohlraum fülle. Ob es mit Kaffee oder Milch ist, oder ich eine Blume einpflanze, ist egal. Sie bekommt eine Aufgabe dann, wenn ich sie fülle. Belasse ich sie in ihrem leeren Zustand ist sie ein Dekoartikel, hohl, vielleicht hübsch anzusehen aber letztlich nutzlos. Allenfalls ein Staubfänger.

Menschen genauso. Bestehen sie nur aus MakeUp, Designerklamotten und einem strahlenweißen Lächeln, haben sie schlussendlich keine Bedeutung.

Dabei klingt es so einfach: „Ach ja, schütt halt Kaffee hinein.“

Kaffee kann heiß sein und ich mir die Finger verbrühen.

Einen Mehrwert zu schaffen, um sich nicht als Dekoartikel zu platzieren, ist schwierig. Schließlich muss ich mich dann mit Gedanken, Werten, anderen Meinungen, Kritik, Streit und vor allem mit Menschen auseinandersetzen. Das kann genauso schmerzhaft sein, wie wenn ich mir heißen Kaffee über die Hände schütte.

Aber der Mehrwert entsteht erst durch Inhalte. Das ist nun mal so. Sonst bleibe ich „Das leere ich“.

Bücher schreiben und Autor sein

Heute morgen habe ich einem Post hier gelesen:

„Bücher schreiben? Warum? Jeder schreibt irgendwann ein Buch, der meint damit seine Marke voran bringen zu können oder zu müssen.“

Das Buch als Visitenkarte. Ein Teil des persönlichen Marketings.

Und die Meisten bezeichnen sich dann gleich als Bestsellerautoren. Und meist gibt es dann irgendwann eine 2. Auflage vom gleichen Buch.

Ok, kann man so machen. Heißt dann aber was?

Der Begriff „Autor“ oder „Schriftsteller“ hat gefühlt etwas Seriöses. Man generiert eine Fachkompetenz, die man durch ein Buch nach außen hin dokumentiert. „Der oder die hat ein Buch geschrieben. Wow, der oder die muss es dann ja können!“

Mir gefällt in der Filmbranche der Preis für sein Lebenswerk, dann wenn ein Schauspieler nach vielen Filmen und nach vielen Jahren für seine Arbeit geehrt wird. Oder bei Malern und Bildhauern die Ehrung für das Gesamtwerk, das dann in Museen als Ausstellungen Räume füllt. Eine Ehrung für eine Leistung, die über viele Jahre versucht wurde, in ihrer Qualität konstant hochzuhalten.

Und ja, das Buch hat etwas Seriöses, was man zum eigenen Marketing einsetzen kann. Es ist das gute Recht eines Jeden, der versucht, seine Arbeit, sein Business voran zu bringen. Wir versuchen es alle, jeden Tag. Die Suche nach dem Etwas, was uns erfolgreich werden lässt.

Wir sollten es aber nicht abhängig von dem einzelnen Buch machen. Schaue ich mir den Autor an, sollten wir uns immer auch sein Gesamtwerk ansehen und dann entscheiden, wie seriös wir ihn oder sie einschätzen. Das einzelne Buch ist es sicherlich nicht. Und damit ist es wie immer: Augen auf!

Stille um uns und in uns

Wenn wir nicht sehen wollen, schließen wir die Augen. Wenn wir nicht reden wollen, schließen wir den Mund. Genauso, wenn wir nicht schmecken wollen. Wenn wir nicht fühlen wollen, bewegen wir uns nicht und stoßen nicht an. Die Ohren sind aber immer auf. Sie sind wie offene Türen. Jeder Ton kann ungehindert eintreten, wir können das Ohr nicht direkt abschalten. Der Ton bittet nicht um Einlass. Er ist ein Egoist.

Oder ein Engel?

Wollen wir nicht hören, müssen wir die Ohren aktiv verschließen. Wir nehmen unsere Hände und halten sie davor, wir setzen Kopfhörer auf, gehen an stille Orte. Steigen hinab in Höhlen, hinauf auf Berge, tauchen ein in das Wasser, gehen in schalltote Räume.

Warum müssen wir aktive Handlungen vollziehen, um der Welt der Geräusche zu entgehen? Heute?

Aber wie alles im Leben ist Hören Segen und Fluch zugleich. Stören wir uns heute an dem ständigen Lärm allenthalben, war es Nachts, als wir noch am Lagerfeuer schliefen, unser Segen, das Ticket, um den nächsten Sonnenaufgang zu erleben. Das Knacken des Astes, das Stoßen des Fußes an einen liegengebliebenen Stein, war das Geräusch, welches ungehindert in unser Ohr, in unser Gehirn zu unserer Wahrnehmung fliegen konnte und dazu führte, dass der Körper aufgeweckt wurde, um sich zu verteidigen.

Vielleicht ist uns Stille deshalb so wichtig, weil wir sie suchen müssen. Sie zu finden, ist nicht selbstverständlich in dieser lauten Welt, in der das Knacken des Astes, das Stoßen an einen Stein keine Bedeutung mehr hat. In unserer Umgebung sind überall Töne. Ist die Bettnachbarin still, kontrollieren wir ihre Temperatur.

Ich stehe im Garten, nachts, die Hunde machen ihre Tagesabschlussrunde. Eine Waldohreule fliegt an mir vorbei. Lautlos kreist sie durch den Garten. Runde für Runde. Der Flügelschlag nicht hörbar, auch nicht für die Maus im Gras. Auch für sie wird es still an diesem Abend. Aber anders, sie hat vergessen ihr Ticket zu lösen.

Eigenverantwortung und die ausgestreckte Hand

Ich sitze beim Arzt.

Mir gegenüber sitzt im Wartezimmer ein Mann. Er hustet furchtbar. Ausgehagert, tiefe Falten im Gesicht. Sein Name wird aufgerufen, er folgt der Arzthelferin.

Wenig später sehe ich ihn die Praxis verlassen. Kaum die Stufen herunter, zieht er die Kippenpackung aus der Tasche. Zündet sich eine Zigarette an und nimmt einen tiefen Zug.

Mmh, denke ich. Selbstverschuldeter Husten. Die Kosten trägt die Gemeinschaft. Tse.

Wenig später, bin ich dran. Leistenbruch.

Na, nicht aufgepasst. Was machen sie beruflich?

Biologe, Geschäftsführer.

Also Akademiker. Stimmts?

Ja, warum?

Körperlich ungeübt und gedacht mal eben den Starken beim Renovieren markieren zu können.

Ja, aber…ich bin still. Mir wird die Sinnlosigkeit meines Versuches alles abzuwehren bewusst.

Das nächste mal passen sie besser auf. Sie haben vielleicht einen hohen Abschluss, dass qualifiziert sie aber nicht für jede Tätigkeit. Verstanden?

Ich schaue auf meine Füße.

Jeder trifft seine Entscheidung. Jeder übernimmt für seinen Körper die Verantwortung. Manches lässt sich korrigieren, zum Glück, für Manches können wir nichts, das passiert einfach und manchmal ist es gut, wenn dann jemand da steht und den Ausweg zeigt, auch wenn er ein wenig schimpfen muss.

Wenn wir wollen!

Es drohte die AFD in Nordhausen. Es bildet sich eine Koalition der Bürger und die AFD verliert. Die NASA startet vor sieben Jahren ein Projekt, um Staub von einem Kometen zu holen und bringt 250 Gramm nahezu punktgenau und auf die Minute zurück zu Erde. Daran arbeiteten hunderte Menschen, wie gesagt, sieben Jahre lang, täglich.

Es gibt sie, die Ideen, die Menschen verbindet, um etwas zu erreichen, was sie alleine nicht schaffen könnten. Jeder Einzelne für sich, würde an dem Projekt scheitern.

Im Tierreich gibt es ebenfalls die Koalition. Es geht gerade wieder los. Schaut einfach mal in den Himmel, wenn die nächsten Zugvögel im Formationsflug (Energie einsparen) über euch hinweg fliegen. Oder schaut ins Meer, wenn der Fischschwarm zusammenhält, wenn der Hai kommt.

Immer, wenn es um etwas Größeres geht, hilft die Gruppe. Eine Firma funktioniert nicht anders.

Der Egoist hat nur seine Reproduktionsrate im Fokus, einen Mehrwert für alle erreicht er nicht. Will er auch nicht. Erreicht er langfristig aber auch nicht, denn spätestens dann, wenn er in Not gerät, braucht er den anderen, der ihn aus dem Wasser zieht. Und langfristig sind es seine Kinder, denen er schadet.

Einen guten Start in die Woche

Das leere Blatt - Chance oder Verzweiflung?

Immer wieder liest man von der Angst, wenn Schriftsteller/innen vor dem leeren Blatt oder leeren Bildschirm sitzen. Die Angst davor, die ersten Worte zu schreiben. Sind sie gut? Fällt mir nichts ein? Was ist, wenn ich den Text nicht gut hinbekomme? Was ist, wenn ich heute Abend noch nichts geschrieben habe?

Aber ist das leere Blatt nicht wie ein Baby? Keiner weiß, wohin es sich entwickelt. Alle Chancen liegen noch in einem Kokon und können genutzt werden. Es gibt keine Schranken. Kein Muss, kein nein. Alles darf.

Ich bin immer wieder fasziniert davon. Klar, meistens habe ich eine Idee, aber was am Ende dabei rauskommt, weiß ich nicht. Es ist wie der Weg durch eine fremde Landschaft. Die Worte kommen, füllen das Blatt und erst am Ende muss ich entscheiden, ob ich den Text überarbeiten und behalten möchte.

Es ist immer wieder ein Abenteuer.

Ja, natürlich gibt es auch Texte, für die ich beauftragt werde. Inhalte sind in gewisser Weise vorgegeben, über die ich schreiben soll. Aber sie sind nur Zwischenstopps auf meinen Weg durch eine Wörterlandschaft. Den Weg von Haltepunkt zu Haltepunkt darf ich frei wählen. Ich kann hier eine Pause einlegen, ich darf hinter dem nächsten Felsen schauen, ob ich was Spannendes sehe.

Das leere Blatt ist das Kribbeln im Bauch, wie wenn ich ich am Flughafen stehe und in ein fremdes Land reise.

Und für Euch? Chance oder Angst?

Neue Wege gehen

Gerade hier sprechen wir immer wieder über neue Wege. Viele davon klingen logisch, nachvollziehbar, bleiben aber theoretisch. Vielleicht versuchen wir es ein wenig mit Praxisnähe.

Wir wollen, sonst hätten wir das hier auf dieser Plattform nicht begonnen, neue Wege gehen. Neue Wege heißt, wir müssen alte Pfade verlassen. Der alte Weg ist ausgetreten und gut gangbar, es gibt nichts, was den Schritt behindert, führt aber nur zu einem bekannten Ziel. Wenn das an sich schon nicht furchtbar langweilig ist, frage ich mich, ob das nicht Geld und Zeitverschwendung ist. Ich kann mir vom Ziel auch berichten lassen, weil schon genügend da waren, sonst wäre der Weg nicht so ausgetreten. Will ich das Gleiche, wie die anderen, die vor mir den Weg ausgetreten haben? Will ich das erreichen, was die anderen erreicht haben? Die Wiederholung von der Wiederholung. Ist ein persönliches Ziel, dass ich mir vorgebe, nicht etwas sehr Individuelles? Wie kann ich dann einen ausgetretenen Weg gehen?

Neue Wege führen durch Gelände, durch das man sich hindurcharbeiten muss. Es ist wie eine alte, zugewachsene Brache auf dem Land. Deshalb geht da keiner durch, weil es mühsam ist. Es pickt überall, weil Dornensträucher gewachsen sind, der Weg kann steinig sein, auf einmal gibt es eine nasse Senke, die wir umrunden müssen, die wir vorher aber gar nicht sehen konnten, oder wir laufen durch sumpfige Bereiche, in denen wir drohen zu versinken. So wird es bei uns sein. Der neue Weg wird mit einem erheblichen Mehraufwand verbunden sein. Ob das Ziel sich lohnt, wissen wir nicht, aber es gibt die Chance darauf und die sollten wir suchen! Und wenn wir auf der anderen Seite der Brache angekommen sind, ist dort vielleicht der Ort, wohin wir immer wollten. Und dieses „vielleicht“ bleibt ein „vielleicht“.

Jeder definiert sein Ziel selber. Mitnehmen können wir nur den Willen, etwas Proviant, gute Kleidung gegen Dornen, Mücken und Regen und feste Schuhe.

Veränderung ist nicht delegierbar!

Podcast: Macho, Macho! Der neue alte Mann - Podcast: Der Tag. Ein Thema, viele Perspektiven | hr-iNFO (hr-inforadio.de)

Hört mal rein. Beiträge von Therapeuten, Menschen, die sich mit dem Thema Männlichkeit beschäftigen. Ein Gedanke dazu:

Wir sind in der Gesellschaft auf dem Weg, dass sich Frauen und Männer annähern und sich die Rechte und Pflichten gleicher verteilen. Zumindest ist es das Ziel! Wir hängen das mangelnde Tempo auf diesem Weg meistens der Politik an, die dies nicht genug fördert. Ist das so?

Traditionelle Rollenbilder werden meist von rechten Parteien vertreten. Gleichzeitig sehen wir, dass AFD, RN - Marie le Pen, Forza Italia etc. keine Randnotizen sind, sondern Parteien, die massiv ins Rampenlicht drängen, wenn sie nicht sogar schon längst vor dem Bühnenvorhang stehen. Diese Parteien sind nicht deshalb so stark, weil sie von den anderen Parteien nicht ausreichend klein gehalten werden, sondern weil die Menschen, die sie wählen, also der Bürger, also wir, sich für diese Parteien entscheiden. Es sind wir selbst, nicht irgendeine Institution, die dafür verantwortlich ist. Das heißt aber auch, dass ein gesellschaftlicher Wandel auf die Sicht von Frau und Mann und deren bisherigen Rollen, in einem Großteil der Bevölkerung noch gar nicht angekommen ist oder sagen wir es anders, dass es Ängste und Verunsicherungen gibt, sich für einen neuen Weg zu entscheiden. Verunsicherung führt dazu, dass man Halt sucht. Wenn Halt in einer Partei geboten wird, die traditionelle Eigenschaften beinhaltet, sind das die zu suchenden Werte, wie auch immer wir diese Werte bewerten. Ein neuer Weg hingegen zeigt Ergebnisse erst in der Zukunft. Es ist der Blick in den Kaffeesatz.

Ich möchte zur Vorsicht raten das Thema Gleichstellung von Mann und Frau irgendjemanden als Aufgabe zuzuschieben. Es ist das Denken bei jedem Einzelnen von uns im täglichen Tun.

In der Biologie gibt es das 30 zu 70 Prinzip. Das bedeutet, dass sich eine Population, in dem Fall nehmen wir die 70, also der überwiegende Teil, in eine Richtung entwickelt. Vera F. Birkenbihl veranschaulicht das sehr eindrücklich. Nachzusehen in einem Film. Gehen bei konstanten Bedingungen die meisten in eine Richtung, stabilisiert es das Ganze. In jeder natürlichen Population gibt es aber auch den Anteil 30, die es anders macht, die Neues ausprobiert. In Zeiten, wo die Bedingungen konstant sind, haben diese den Nachteil und sie schaffen es so gerade sich zu erhalten. Ändern sich Bedingungen kann das zuträglicher für die kleinere Gruppe sein, die sich dann besser entwickelt als die 70. Das Verhältnis verschiebt sich auf Dauer und aus der 30 wird dann die spätere 70 und eine neue 30er Gruppe wird sich bilden. Damit hat die Natur, wie auch immer man diese definiert, ein Regulierungssystem, dass der Gruppe (Art) eine zusätzliche Sicherung gibt.

Wir Menschen betrachten uns in der Regel als der Natur nicht zugehörig, aber wir funktionieren tief in uns immer noch so. Aktuell sind wir an dem Punkt, dass sich Dinge in den Gesellschaften ändern. Die ehemals 30 wachsen, weil altes Denken überkommen ist und wir neue Wege gehen müssen, um die anstehenden Aufgaben zu lösen. Ob wir jetzt schon ein 40 zu 60 oder ein 50 zu 50 haben, mag ich nicht zu deuten, aber festzustellen ist, dass durch die Veränderungen in der Gesellschaft, sich auch die traditionellen Rollenverteilungen ändern.

Und jetzt kommt das große aber: In der Natur geht das nicht von heute auf morgen, sondern ist ein Prozess über Generationen hinweg. Wären wir alle Drosophila melanogaster, die Fruchtfliege, die in der Küche auf dem Obst sitzt, würde eine Generation 10 Tage dauern. Wir sind aber Menschen und unsere Generationsdauer beträgt 25 Jahre. Da wir nicht nur Biologie sind, sondern auch Vieles andere, können wir an einem Wandel aktiv und täglich arbeiten, aber dieser wird dennoch Zeit brauchen, sicherlich und hoffentlich keine 25 Jahre, aber mehr als die 10 Tage der Fruchtfliege. Betrachtet doch mal unsere Kinder. Es dauert viele Jahre, bis sie über das beschriebene Thema nachdenken, in denen sie von den Eltern, den Menschen in Kindergarten und Schule, beeinflusst werden, bis sie dann selber losgehen und für einen Wandel eintreten. Und damit bekommen wir eine sehr konkrete Aufgabe: Mut haben, um zu gehen!

Dranbleiben ja, effektiver sein durch eigenes Handeln und nicht nur durch das Anklagen von Politikern oder irgendwelchen Institutionen, denn diese richten sich nur nach ihrer Wählerschaft und das sind nun mal auch wieder wir. Es geht also um jeden Einzelnen von uns. Und es ist wie immer: Die Verantwortung trägt jeder einzelne, damit wir am Ende nicht sagen müssen: Wir haben von nichts gewusst.

#buchstabenparkplatz

Das Plagiat der Trauerbegleitung

Laut Duden ist ein Plagiat die "unrechtmäßige Aneignung von Gedanken, Ideen o. Ä. eines anderen auf künstlerischem oder wissenschaftlichem Gebiet und ihre Veröffentlichung." Mir fehlt hier ein Bereich, der schlecht prüfbar ist: das emotionale Plagiat!

Irgendjemand hat einen Gedanken entwickelt und dazu einen Text verfasst, veröffentlicht oder gar dazu ein Buch geschrieben. Geistiges Eigentum eines Menschen. Erworben durch mühsame Studien oder durch noch tiefergehende eigene Erfahrung. Wir Menschen haben die Eigenschaft, Wissen gezielt weitergeben zu können, damit wir uns als menschliche Population weiterentwickeln können. Keine zufälligen Beobachtungen anderer, die durch Zufall übernommen werden, sondern die aktive und bewusste Weitergabe in Wort, Bild und Schrift. Unser Wissen geben wir bereits an unsere Kinder weiter, damit sie von unseren Erfahrungen lernen können. Eine Basis, auf der sie aufbauen können. Meistens müssen sie aber ihre eigenen Erfahrungen machen. Ich weiß, wovon ich rede als Vater.

Außerhalb der Familie bieten wir unsere Erfahrungen ebenfalls an. Geben sie in Seminaren und Kursen weiter, wir sind Lehrende. Bücher schreibende Autoren auf der beruflichen Ebene, um davon zu leben. Es gibt die ehrenamtliche und die professionelle Schiene. Wir tun dies, weil wir es wollen, es können und häufig, weil wir es möchten, es uns einfach wichtig ist. Es ist unsere aktive Entscheidung, wie viel wir geben wollen und was wir lieber für uns behalten. Wenn dann andere unsere Bücher kaufen oder Leihgebühren in Bibliotheken entrichten, haben alle einen Mehrwert. Es gibt denjenigen, der das Wissen erhält und denjenigen, der durch seine Wissensvermittlung Geld verdient. Oder wir geben es ehrenamtlich weiter, weil wir einen Gemeinsinn darin sehen und es uns ein gutes Gefühl vermittelt.

Und dann gibt es Menschen, die das geistige Wissen anderer ungefragt nehmen, eigene Projekte damit umsetzen und dieses als das Eigene ausgeben. Sie gaukeln eine fachliche Kompetenz vor, die keine solide Basis hat. Denn die Basis entsteht erst dadurch, dass ich eigene Erfahrungen gemacht habe oder Sachverhalte durch Lernen und Studium erworben habe. Leider ist dies ein anstrengender Flaschenhals. Was bleibt, ist Authentizität, das kaum greifbare Gefühl dahinter, das Stück Ausstrahlung, das in meinem Gesicht zu finden ist. Das Gefühl des Gegenübers, das derjenige, der darüber spricht, weiß wovon er spricht.

Kein Mensch sollte etwas dagegen haben, wenn das eigene geistige Eigentum von anderen verbreitet wird. Nicht umsonst gibt es in den Sozialen Medien unter jedem Post den Teilen-Button. Bedingung ist aber, dass deutlich wird, woher dieses Wissen stammt (z. B. durch ein Zitat). Nein, ganz im Gegenteil, wir freuen uns sogar darüber, denn es ist eine Form der Wertschätzung. Und der Zitierte hat meist kein Problem damit, wenn die Person, die den Teilen-Button gedrückt hat, mehr Reichweite, vielleicht sogar mehr Geld verdient als derjenige mit der Urheberschaft. Wir denken in der Musik an die vielen Coverversionen.

Zitiere ich aber nicht und halte mein scheinbares Kompetenzfähnchen hoch, ist dies nicht nur verwerflich. Das Plagiieren kann sowohl zivilrechtliche als auch strafrechtliche Konsequenzen nach sich ziehen.

Und dann gibt es den emotionalen Sektor. Ich habe eine persönliche Erfahrung gemacht und Schlussfolgerungen daraus gezogen, die ich verbreiten möchte, um anderen eine Hilfe zu sein. Ich berichte über einen Sachverhalt, meist ein emotionales Grenzgebiet, und kann nur deshalb darüber authentisch berichten, weil ich es selbst er- und durchlebt habe. Eine Erzählung von mir zu einem emotionalen Grenzgebiet ist nur dann wahrhaftig nachvollziehbar, wenn ich persönlich dort war. Das kann die Situation im Krieg sein, das kann genauso gut die Situation bei einem Trauerereignis sein. Oder anders gesagt: eine Geburt mit ihren ganzen Facetten, wie Schmerz und Emotionen, kann ich als Mann nicht beschreiben. Berichten kann ich nur aus der Beobachterperspektive, ich werde aber niemals die Erfahrungen einer Frau nachfühlen können.

Nun gibt es aber Menschen, die genau das tun. Sie berichten aus Kriegen, als ob sie da waren, berichten von der Geburt, als ob sie selbst entbunden haben, berichten von der Trauer ohne eigenen Verlust. Sie plagiieren einen emotionalen Zustand, den sie allenfalls theoretisch empfinden können. Ziehen dann weitergehende Schlussfolgerungen daraus und verbreiten sie. Sie gehen sogar so weit, dies gezielt einzusetzen, um damit unter dem Deckmantel Hilfsbereitschaft Dienstleistungen gegen Bezahlung anzubieten.

Ich will gar nicht in Abrede stellen, dass es darunter Menschen gibt, denen es gelingt. Aber genauso gibt es diejenigen, denen es nicht gelingt – und hier bewegen wir uns in einem emotionalen Minenfeld. Denn wenn ich die Erfahrungen nicht vorweisen kann, kann ich mich auch nicht vollständig einfühlen. Es wird immer etwas fehlen. Ich plagiiere einen emotionalen Kontext und gehe das Risiko des Schadens ein, auch wenn ich es gut meinen sollte. Mein Gegenüber wird aber in aller Regel eine mögliche Authentizität nicht in Frage stellen, weil davon ausgegangen wird, dass man den Erzähler damit verletzen würde, indem man ihn hinterfragt. Anders als in einer wissenschaftlichen Arbeit, bei der am Ende ein Produkt vorliegt, welches prüfbar ist, fehlt die Möglichkeit meist auf der emotionalen Ebene.

Nicht dass ich falsch verstanden werde: Ich achte denjenigen, der einen Mehrwert für den Einzelnen oder für die Gesellschaft generieren möchte. Aber jeder möge sich prüfen, ob er damit auch ehrlich sein kann, denn es gibt auf der Gegenseite Menschen, die sich in einer Ausnahmesituation befinden und keine Zeit und keinen Raum für Prüfungen haben. Diese öffnen sich in ihrer Krisensituation, legen ihr Innerstes nach außen und gehen davon aus, dass Helfer ehrlich damit umgehen.

In einer Welt aus Fakenews, Plagiaten und von Computern generierten Informationen gibt es immer noch einen menschlichen Bereich, den der Emotionen, den ich zwar vorgaukeln kann, der aber ehrlich bleiben sollte, da wir sonst in Zukunft unsere menschliche Basis verlieren. Und was bleibt dann noch, wenn wir auch diesem Bereich nicht mehr vertrauen können?

Spuren im Watt

6:20 Uhr, die Sonne scheint und ich will zum Watt. An der niederländischen Grenze gibt es ein Aussichtshaus. Es steht, nach einem Anmarsch von etwa einem Kilometer durch Schilf, im und auf dem Wattboden. Fest verankert, um gegen die Stürme der See gewappnet zu sein. Mein Weg dorthin führt mich über menschenleere Straßen, die halb im Nebel liegen. Die Sonne, bisher nur wenig über dem Horizont aufgestiegen, malt ein surreales Licht in die verhangene Landschaft. Der Blick fokussiert sich auf das Sichtbare. Nach einer viertel Stunde bin ich am Ziel. Hier am Wasser fehlt der Nebel. Er blieb in den Bäumen an Land hängen.

Jetzt schnell das Fernglas, meine Handys für die Vogeldaten und rauf auf den Holzbohlenweg zum Aussichtshaus. In der Ferne höre ich Gänse, die Ersten fliegen schon los. Sie wollen zu den umliegenden Wiesen ihren Tag verbringen, dort wo sie ihre Nahrung aufnehmen. Das Watt ist nur die Übernachtung, um vor den Feinden geschützt zu sein, die im Morast nicht laufen können.

Ich gehe den morgentaufeuchten Holzsteg entlang. Passiere verschiedene kleine Kanäle, die das Wasser bei Ebbe aus dem Schilf entlassen, nur um es Stunden später wieder hinein zu transportieren. Kein Mensch weit und breit, meine dicke Jacke schützt mich vor der frühen Kälte. Ein wenig müde bin ich noch und deshalb kälteempfindlich. Ich habe auf meinen morgendlichen Kaffee verzichtet, weil ich raus wollte. Nur die Hunde habe ich kurz auf die Wiese gelassen zum Wasser lassen. Besonders viel Lust hatten die aber nicht und sind froh, dass sie wenige Augenblicke später wieder in ihre Körbchen dürfen. Sie sind eine verpennte Bande.

Nur noch wenige Meter bis zum Haus, dann die Metalltreppe hoch und hinein in den kargen Holzraum mit den Schießscharten, durch die ich mein Fernglas stecken kann. Manche alten Dinge haben sich doch bewährt, kommt mir ein ironischer Gedanke.

Vor mir Wasser, Sand, Schlick, Vögel und Weite. Der Himmel ist wolkenlos blau. Die Sonne steht hinter mir und beleuchtet die Landschaft. Die unter großem Palaver aufsteigenden Trupps der Graugänse fliegen der Sonne entgegen und mir entgegen. Brauner Schlick, soweit das Augen reicht, am Horizont Windräder, klein wie Nadeln. Abfließendes Wasser hat kleine Gräben wie Canyons in den sandigen Untergrund gegraben. An den Ufern kommt es immer wieder zu Abbrüchen. Auf dem Schlick zahllose Fußspuren ausschließlich von Vögeln. Bis auf das Geschrei der Vögel, höre ich nichts, Stille. Keine Menschen, keine Autos, keine Schiffe, keine Flugzeuge am grenzenlosen Himmel, auch kein Wind. Am Haus Mehlschwalben, eine kleine Kolonie, die hier gebrütet hat. Einzelne Nester sind noch besetzt, die meisten Vögel umkreisen mit lautem Rufen das Haus. Sie sind noch nicht ausgefärbt, haben ihr Nest erst dieses Jahr verlassen und üben den Flug und das Fangen von Insekten über dem Schilf. Formal noch Kinder aber schon Profis in der Luft.

Ich sitze auf einer Holzbank in der Hütte und schaue, notiere ab und an einen Vogel und schaue wieder, ohne Hast, ohne Eile, ohne Termindruck. Es ist Sonntagmorgen. Zu früh für die Touristen, die die Küste besuchen. Sie sitzen, wenn sie nicht noch schlafen, an ihren Frühstückstischen. Zum Glück bin ich hier nicht für den Urlaub, ich darf hier leben, arbeiten und sein.

Die Formen des Watts faszinieren mich und ich ärgere mich, dass ich nicht meine Kamera dabei habe und mein Tablet. Ich würde gerne hier alles direkt festhalten. In der Not fotografiere ich mit dem Handy und verspreche mir, nachher, zu Hause, das Gesehene aufzuschreiben.

Ein paar Stunden später bin ich wieder zu Hause, koche mir endlich einen Kaffee und löse mein mir gegebenes Versprechen ein.

Ich schreibe aus der Erinnerung und überlege, was wohl authentischer ist. Das Schreiben vor Ort, wenn die Eindrücke durch meine Augen, in den Kopf und über meine Hände in die Tastatur fließen können oder ob es besser ist, die Eindrücke aufzunehmen, aber mangels Schreibutensilien den Strom der Eindrücke im Kopf abzubremsen, damit er dort sedimentieren kann. Und wenn ich Stunden später dann schreibe, ich nur auf das nicht Sedimentierte zurückgreifen kann. Verbleibt dann nur der für mich wichtige Eindruck und das Unwichtige hat sich bereits im Sedimentierungsprozess zersetzt und ist weg? Ich weiß es nicht, aber ich werde in den kommenden Tagen wieder zur Hütte fahren und vielleicht habe ich dann was dabei, um es direkt festzuhalten.

Naturschutz ohne Emotionen

Das Engagement in einem gemeinnützigen Verein ist Ausdruck eines inneren Antriebes. Nach Wikipedia (20.04.2023) lautet die Definition von Ehrenamt: "Ein Ehrenamt ist die Wahrnehmung eines öffentlichen Amtes oder einer gesellschaftlichen Aufgabe im Gemeinwohlinteresse ohne Einkunftserzielung, [...]. Die Übernahme eines Ehrenamts ist in der Regel freiwillig." Ein unfreiwilliges Ehrenamt ist beispielsweise die Bestellung zum Wahlhelfer.

Deutlich ist dies im Naturschutz zu spüren. Menschen verbringen endlose Stunden ihrer Freizeit in der Natur, um Tiere und Pflanzen vor dem Aussterben zu schützen. Eine per se identitätsstiftende Tätigkeit, so definiert sich das Ehrenamt, wird aber häufig zu einer zwingenden Notwendigkeit. 

"Mache ich nichts, werden die Tiere und Pflanzen aussterben. Ich muss es also tun, denn der Nachbarn tut nichts. Es macht ja sonst keiner." 

Die Aufgabe des eigentlichen Ehrenamtes wird auf eine höhere Ebene gehoben.

Auch findet eine Abgrenzung innerhalb der ehrenamtlichen Community statt, da ein Gesangsverein nicht denselben Stellenwert hat.

Nun ist es nicht verkehrt, wenn ein Mensch mit seinem Ehrenamt eine hohe Identifikation verbindet. Realistisch müssen wir auch sagen, dass es auch Unterschiede innerhalb des Ehrenamtes gibt. Häufig wird über viele Jahre hinweg eine fachliche Kompetenz erworben, die den sogenannten Profi, also die Person, die für eine ähnliche Aufgabe bezahlt wird, übertrifft. All dies will und darf gar nicht in Abrede gestellt werden.

Das Problem beginnt dann, wenn mit der Aufgabe Emotionen verbunden werden. -> Jetzt wird es richtig schwierig, da das Ehrenamt im überwiegenden Teil eine emotionale Angelegenheit ist. Es geht um Selbstverwirklichung. Damit ist der Aufbau eines sachlichen Abstandes problematisch.

Aus meiner persönlichen Sicht muss in der aktuellen Zeit ein neuer Weg, der mit einem zukunftszugewandten Umdenken verbunden ist, beginnen. Ein Umdenken ist schwierig, wenn der bisher begangene Weg eine lange und zumeist erfolgreiche Tradition beinhaltet, wie es im Fall des Naturschutzes der Fall ist. Hätten wir den ehrenamtlichen Naturschutz nicht, wäre vieles erheblich schlechter.

Die Entwicklung der vergangenen Jahrzehnte erfolgte vom ausschließlichen Ehrenamt über Mischstrukturen, in denen Ehrenamt und finanzierte Stellen parallel existierten, hin zu häufig vollfinanzierten Strukturen in der heutigen Zeit, beispielsweise die zahlreich entstehenden Landschaftspflegeverbände.

Dabei entsteht auf Seiten des Ehrenamtes ein großer Frust. 

„Subjektiv wird mir, dem engagierten Vereinsmitglied, eine Struktur vorgesetzt, die es anscheinend besser kann. Damit verliere ich meine bisherige Anerkennung, wenn ich nicht sogar überflüssig werde.“ 

Woher kommt diese Annahme? 

Die neuen Strukturen haben die Möglichkeiten signifikant mehr Zeit im Vergleich zum Ehrenamt zu investieren und sind losgelöst von der Intention der persönlichen Verwirklichung. Sie können sich hauptamtlich um eine vormals ehrenamtliche, meist freizeitgebundene Aufgabe kümmern und sind in der Lage schneller Projekte umzusetzen. 

Ein zusätzlicher Frust entsteht dort, wo es um das liebe Geld geht. Vereine kämpfen um jeden Cent, sind auf Sponsoren angewiesen, betteln um Mitgliedschaften, müssen jeden Euro umdrehen, bevor sie ihn einsetzen können. Auch das muss in der Freizeit geschehen, was mich als Ehrenämtler von meinem eigentlichen Wunsch, dem Schutz der Natur, abhält, aber eine Notwendigkeit für den Verein darstellt, die ich wohl oder übel auch noch machen muss. Neue Strukturen hingegen werden von der öffentlichen Hand gefördert. Scheinbar gibt es hier große finanzielle Möglichkeiten, die wesentlich leichter zu bekommen sind. Auf die ich im Verein aber nur sehr begrenzt Zugriff habe. Gefühlt werde ich absichtlich finanziell knappgehalten.

Um es vereinfacht zu sagen: 

"Da dringen fremde Leute in meinen Bereich ein. Sie drängen sich in mein Arbeitsfeld, für das ich viele Jahre in meiner Freizeit gekämpft habe. Ich wollte etwas bewegen für uns alle und jetzt kommen andere und ihnen wird das Geld "nachgeworfen". 

Und ich, der sich seit Jahren die Finger wundtippt, der gegen Strukturen ankämpft, wird einfach übergangen."

Ist das so?

Nein!

Zum einen sind die sogenannten Leute in aller Regel hervorragend ausgebildete Personen, die seit Jahren in anderen Bereichen des Naturschutzes viele Erfahrungen gesammelt haben und die, gerade im Sektor Naturschutz, natürlich auch die Vereinsarbeiten kennen. Zum anderen liegt hier eine riesige Chance für die etablierten Vereine, die offensichtlich nicht gesehen wird:

Als Ehrenämtler muss ich mich, aufgrund des zeitlichen Zwanges, den ich habe, auf Kernbereiche konzentrieren. Ich muss da tätig werden, wo die Wahrscheinlichkeit möglichst hoch ist, Erfolg zu haben. Effektivität ist der Kampfbegriff. Dies führt dazu, dass ich in den allermeisten Fällen den Status quo in einem Projekt erhalten will. Ein Mehr ist aufgrund der personellen, zeitlichen und finanziellen Ressource meist nicht möglich.

Nehmen wir als Beispiel die Landschaftspflegeverbände (LPV) des Landes Hessens. Sie wurden, nach einer schwierigen Startphase, in den vergangenen Jahren rasant und in großer Zahl gegründet.

Jetzt wechseln wir noch mal die Sichtweise auf den gemeinnützigen Verein: Als Mitglied des Vereines stehen mir mit den vollfinanzierten Strukturen hauptamtliche Kollegen zur Seite, die für das Gleiche kämpfen. Ihnen kann ich meine Erfahrungen weitergeben. Ich kann aus Sicht des Vereins dieses Potential nutzen, um meine Ziele, die nicht mein Privateigentum sind, mit einer höheren Chance zu realisieren.

Der Schritt im Kopf ist ein Schwieriger. Meine Ziele sind meine Kompetenz, die ich mir in vielen Jahren mühsam erarbeitet habe, mein Baby. In positiver Betrachtungsweise gebe ich meine Erfahrungen weiter, damit andere, diese zum Erfolg bringen können. In negativer Sichtweise werden sich andere mit meinen Errungenschaften schmücken und ich verliere vielleicht meine bisherige Position im Gesamtgefüge der Naturschutzcommunity.

Das ist die notwendige Transformation, die ansteht. Gleichzeitig ist es ein schmerzhafter Prozess des Loslassens.

Die Lösung liegt in der Mitte: Die finanzierte Struktur setzt die Kompetenzen des Ehrenamtes um, bleibt aber weitgehend Dienstleister. Das Ehrenamt bekommt die Zeit sich um die grundsätzlichen Fragestellungen zu kümmern und wird befreit von den zeitaufwändigen Kleinaufgaben, die behindern und es unmöglich werden lassen, das Große und Ganze im Blick zu haben. Die Rolle des Vereins wird sich ein Stück weit verändern. Gleichzeitig ist die finanzierte Struktur aber auch nicht der extern finanzierte Angestellte des Vereins, da dort ebenso Kompetenzen, Erfahrungen und Ideen vorhanden sind. Letztlich bietet die vollfinanzierte Struktur einen Mehrwert.

Naturschutz ist keine Privatsache auch nicht hinsichtlich eines etablierten Vereines. Wir leben in einer Zeit, in der es weitreichende Umbrüche gibt. Die aktuelle Situation ist ein Aufbruch, keine Frage, sie ist schmerzhaft, aber Naturschutz geht nur nach vorne. Erfolge in der Vergangenheit sind schön in der persönlichen Rückschau und sollten anerkannt werden. In der Zukunft haben sie keinen Wert.

Wenn das Mitglied eines gemeinnützigen Vereins es schafft, seine fachliche Expertise emotionslos zu betrachten und sie in die neuen Möglichkeiten einbringt, gewinnen wir alle und auch der Verein behält seine Position als Ort der fachlichen Orientierung.

Welchen Naturschutz wollen wir?

Wir leben in einer Zeit des Wandels. Neue, meist erschreckende Daten fluten täglich die Medien. Medien versuchen sich gegenseitig zu überbieten, um mehr Follower und Likes zu erhalten. Folgt man diesem Tun einen Tag lang unreflektiert, ist man abends nahe am Suizid. Vielleicht wird es noch mal deutlicher, weil wir heute so viele Medien haben. Früher gab es die Tageszeitung, meist eine, maximal zwei und in meiner Kindheit gab es ARD, ZDF, WDR 2 und evtl., weil wir an der niederländischen Grenze wohnten, den „Holländer“, der genaueres Wetter hatte, weil es überwiegend aus dem Westen kommt. Heute ist das Angebot schier endlos und ich kann zwischen hunderten Sendern und Magazinen wählen. Dies sollte doch eigentlich dazu führen, dass wir uns mehr um diese Thematik kümmern. Sollten!

Wir haben immer tausend andere Dinge zu tun, die meist eine höhere Priorität haben.

Die Tendenz draußen scheint aber immer gleich zu sein. Dadurch, dass wir Menschen gravierend in den natürlichen Haushalt eingegriffen haben, werden die Schwankungen im Wetter immer deutlicher. Die Wetterextreme, die Ausschläge nach unten und oben, wie Regenmengen, Windstärken und Temperaturen, haben immer mehr Auswirkungen. Die Natur ist im Wandel.

Lebende Organismen sind zum Glück dynamische Systeme, die gelernt haben, sich den gegebenen Bedingungen in einem gewissen Toleranzbereich anzupassen. Werden die Toleranzen überschritten, sterben lokale Populationen aus oder sie wandern ab in Bereiche, die für sie geeignet sind. Arten erweitern ihr Verbreitungsgebiet oder sie verkleinern es. Je nachdem, wie die vorherrschenden Bedingungen sind und wie flexible die Art ist. Ein Kaiserpinguin ist weniger flexibel als die orientalische Scharbe.

Der Naturschutz wird auf der UN-Ebene großflächig bis global gesehen. Naturschutzverbände haben Bundesländer oder das Staatsgebiet im Fokus und der einzelne Akteur, ob Ehrenamt oder im Naturschutz angestellt, hat in der Regel einen überschaubaren Raum, meist in der Nähe seines Wohn- oder Arbeitsortes.

Wenn aber die naturschützenden Einheiten, wie UN, Verbände oder Akteure gebietstreu sind, so ist es die Natur nicht. Organismen im Naturhaushalt kümmern sich nicht um menschengemachte Verwaltungsgrenzen, ihr Fokus sind die abiotischen oder biotischen Bedingungen, die auf sie einwirken.

Es stehen also ein starres System einem flexiblen Leben gegenüber.

Macht es da noch Sinn unter dem gegebenen Wandel, eine lokal vorkommende Art zu schützen? Konkret geht es darum einen konservierenden Naturschutz oder einen Prozessschutz vorzunehmen. Wollen wir mit viel Geld und hohem menschlichem Einsatz eine lokal vorkommende Art erhalten oder sagen wir: Ok, wenn sich äußere Bedingungen verändern, schauen wir zu, begleiten den Wandel, halten aber an der ehemals vorkommenden Art nicht fest, sondern begrüßen die Neuen.

Wir sind mitten im Wandel. Es ist verbrieft, dass es den Wandel gibt, aber wohin und mit welchen Auswirkungen, wissen wir nicht. Natürlich gibt es gut belegbare Tendenzen. Es ist aber nicht möglich in die Zukunft zu sehen, wir können nur Erkenntnisse aus Geschehenem ziehen. Nur, dass sich was verändern wird, ist klar.

Was bleibt dann? Der Naturschutz, so wie wir ihn kennen, muss sich wandeln. Bisher haben wir Flächen geschützt, optimiert und beobachtet, WEIL bestimmte Arten vorkamen. Die Art oder die Artenzusammensetzung war zu erhalten, deshalb haben wir Flächen gesichert. Der Weg zukünftig wird sein, RÄUME zu sichern, um Grundlagen und Optionen für Arten zu schaffen. Welche Arten in den Räumen dann vorkommen, ist eine sekundäre Frage und steht nicht mehr im Fokus, auch wenn wir diese natürlich sehr genau beobachten werden. Die Neugierde bleibt. Das bedeutet aber auch, dass unsere Identifikationsobjekte, wie bunte Schmetterlinge, wohlriechende Blütenpflanzen auf bunten Wiesen, schattenspendende Wälder und melodisch singende Vogelarten nicht mehr die Priorität haben, sondern Flächen.

Daraus ergeben sich unterschiedliche Aufgaben, die aktuell noch gar nicht definiert sind. Entweder wir richten sie - die Flächen - möglichst heterogen her, so dass möglichst viele Möglichkeiten für potenzielle Einwanderer bestehen und/oder wir folgen den Hypothesen der Klimatologen und richten Flächen nach denkbaren Zukunftsszenarien her. Ob dies dann die klein strukturierte Landschaft von vor 200 Jahren ist oder die offene, präriegleiche Steppe, bleibt abzuwarten.

Realistisch betrachtet gibt es in meinen Augen nicht mehr die Option "krampfhaft" an einzelnen Arten festzuhalten, sondern es geht um den Schutz von Räumen und auch hier wird es kein Ziel geben, wie diese auszusehen haben, sondern sie unterliegen den natürlichen Veränderungen. Der konservierende Naturschutz wird dauerhaft nicht zu halten sein.

Was wir jetzt tun können, ist zu schauen, was benötigen die aktuell vorhandenen Arten, auch wenn diese dort nicht dauerhaft leben werden und durch Andere ersetzt werden. Sie geben uns Handlungsanweisungen, denen wir folgen können, aber die Art an sich rutscht raus aus unserem prioritären Fokus. Es gilt auch zu beobachten, wohin sie gehen, damit andere Gebiete vorbereitet sind.

Ein anderes Problem sind wir Menschen. Bestehendes zu erhalten, hat etwas von Konstanz, von einer Basis, der wir vertrauen können. Die Zukunft wird als Basis ersteinmal die dauerhafte Veränderung haben. Wir werden in einem dauerhaften Veränderungsprozess leben müssen, in dem der nächste Tag nicht dem Heutigen gleichen wird. Die Unsicherheit wird Teil der Welt sein, denn nur die Ungewissheit ist die konstante Gewissheit.

Ist Trauer für den Menschen notwendig?

Wir trauern. Jeder tut es irgendwann in seinem Leben. Wofür auch immer. Es ist letztlich egal, weil Trauer nicht einer Wertung unterliegt. Verliert man etwas, vermisst man es, dann trauert man. So ist das nun mal. Punkt. Worin liegt der Sinn? Wenn es potenziell jeder machen muss, verliert es doch seinen Wert. Dann kann man auch darauf verzichten. Oder?

Hypothese: Vielleicht ist die Trauer eine Notwendigkeit sich grundlegend weiterentwickeln zu können? Vielleicht brauchen wir diesen Tritt und da es in uns angelegt ist, ist auch jeder möglicher Kunde der Trauer?

Wenn ich trauere, dann habe ich etwas verloren, jemand ist gestorben, jemand hat sich von mir getrennt. Ich habe irgendetwas nicht mehr physisch bei mir im wahrsten Sinne des Wortes. Damit ist das, was ich verloren habe, ein Teil der Vergangenheit. Vergangenheit aber...ist nicht greifbar. Ich denke, ich fühle über etwas "nach" was es nicht mehr gibt. Niemand kann dort hinreisen. Was wir tun können, sind Spuren suchen und Verknüpfungen herstellen. Ob dies aber der Realität entspricht, bleibt spekulativ. Es spielt sich demnach in unserem Kopf ab, wenn ich darüber nachdenke, weil es in der Realität allenfalls noch Spuren gibt. Spuren, die ich mit dem Menschen verbinde, bleiben wir jetzt mal beim Tod eines Menschen, die dieser hinterlassen hat. Sind es Dinge, die dieser Mensch erschaffen hat (Briefe, Bilder etc.) gibt es einen direkten Bezug, sind es dagegen Kleidungsstücke, Möbel etc. können wir diese formal jedem zuweisen, der auf dieser Erde lebt. Die Verknüpfung findet also in unserem Inneren statt.

Wir haben etwas vor uns, was wir nicht greifen können, von dem wir nur erzählen können. Der Betroffene, in dem Fall der erzählende Mensch, trauert meist sichtbar. Über etwas sprechen was nicht ist. Warum? Wechseln wir die Betrachtungsposition.

Ich begleite einen Menschen, der sich schwertut, die Situation zu begreifen, anzunehmen. Er weint, seine Motivation ist dahin. Er hat keine Kraft mehr. Er ist wütend. Er will nicht mehr. Es stellen sich Fragen, viele Fragen. Wie soll es weitergehen? Was hat das alles für einen Sinn? Warum musste mir das passieren? Wieso ausgerechnet mir? Er weigert sich weiterzugehen. Er steht unter Schock. Sein Körper rebelliert. Es besteht Chaos. Hoffnungslosigkeit stellt sich aufgrund fehlender Perspektive ein. Die Menge der Fragen ist einfach zu groß. Sie erscheinen als unüberwindlicher Berg, von dem Felsen hinabstürzen und die Gefahr besteht, dass diese mich erschlagen und erdrücken. Die Struktur des bisherigen Lebens ist verloren gegangen. Ich muss beginnen, eine neue Struktur auf einer neuen Basis zu erschaffen.

Nach einer Zeit, deren Länge keiner kennt, kommt der Großteil der Trauernden in eine Phase, die man als einen Zustand "nach der Trauer" beschreiben kann. Er oder sie ist durch das Tal der Tränen hindurchgelaufen, hat sich sortiert, evtl. neu ausgerichtet und geht im Leben weiter. Die einen binden sich neu, andere verändern Strukturen, wechseln Arbeitsstellen, ziehen um, tauschen Menschen im Freundeskreis aus, engagieren sich ehrenamtlich, wollen anderen helfen usw. Die Palette der Möglichkeiten ist unendlich.

Was wäre, wenn damit Trauer als heftiges einschneidendes Erlebnis ein natürlicher, normaler und vielleicht sogar notwendiger Prozess wäre, der tatsächlich von der Natur auch so vorgesehen ist? Quasi der Schock, um Veränderungen herbeizuführen, also der ultimative Tritt? Jeder kennt den Satz: "Leben ist Veränderung" oder auch das Gegenteil davon "Stillstand ist der Tod". Wir Menschen entwickeln uns weiter, stetig. Und in den härtesten Krisen sind die Entwicklungsschritte am größten (Beispiel Kriege, Naturkatastrophen etc.) und deren Geschwindigkeit am nachhaltigsten. Damit unterstelle ich nicht, dass ein Krieg, eine Katastrophe positiv ist. Lassen wir einmal die Bewertung, egal in welche Richtung, völlig außen vor! Betrachten wir nur einmal den Umstand an sich.

Trauer ist für uns Menschen einer der fundamentalsten Krisen, die wir erleben können. Manche zerbrechen daran, andere wachsen in ungeahnte Bereiche. Sie birgt bei aller Katastrophe auch das größte Potenzial der Veränderung, der eigenen Neuausrichtung, dem Setzen des Resett-Punktes. Wie tiefgreifend die Veränderung ist, ist auf allen Ebenen zu betrachten. Es verändert sich nicht nur dass Außen, sondern auch wir ändern uns im Körper, da Vieles neu verschaltet werden muss, das heißt, selbst biologisch ändern wir uns in Teilen, mal abgesehen von der Gedankenwelt, in der wir uns bewegen.

Brauchen wir Menschen deshalb vielleicht genau deshalb die Trauer, um uns möglicherweise grundlegend weiter entwickeln zu können?

Und genau wie Katastrophen oder Kriege immer plötzlich oder sagen wir es anders, in ihrer Härte überraschend auf uns einwirken, so ist es die Trauer auch. Wir können uns nur unzureichend auf sie vorbereiten. Ein sterbender Mensch, den wir begleiten, stirbt am Ende doch plötzlich und wir stehen dort, und beginnen erst dann zu begreifen. Brauchen wir dieses Momentum der Plötzlichkeit, damit wirkliche Veränderung starten kann? Brauchen wir die Vehemenz, um uns neu ausrichten zu können? Brauchen wir deshalb die Trauer, um uns entwickeln zu können? Braucht der Mensch die Trauer für seine Entwicklung sowohl in seiner Persönlichkeit aber auch sekundär als Population?

Ja, dann hätte die Trauer tatsächlich auch einen positiven Effekt für uns, auch wenn es schwer ist die eigene Trauer und das Positive was sich daraus ergeben kann, wenn wir uns der Katastrophe stellen und sie durchleben, als zusammengehörig zu begreifen. Aber vielleicht ist es genau das.

Es kann aber auch genau anders sein. Wenn es nicht vorgesehen ist, dann kann es auch sein, dass der Mensch als Opportunist, diese Chance für sich selber nutzt. Letztlich ist es egal. Veränderung findet statt und die können wir gestalten! Und wenn wir sie gestalten können, können wir sie auch zum Guten lenken.

Niederschläge

Wolken ziehen auf. Der Himmel verdunkelt sich. Aus der Windstille wird Wind. Erst bewegen sich Blätter, dann Äste, dann ganze Bäume. Unruhe breitet sich aus. Die ersten Vögel steigen auf, verlassen den Ort. Ich blicke ins Tal, dort wo der Bach verläuft. Friedlich, langsam, leise gurgelnd.

Die Wolkenreihen schließen sich, der blaue Himmel ist verschwunden. Aus grau wird dunkelgrau wechselt zu violett. Es blitzt, der Donner noch weit, erreicht mein Ohr verzögert. Dafür zerzaust der Wind meine Haare, auf meinem Arm der erste Tropfen. Noch klebt er an seiner Einschlagstelle.

Der Wind beginnt zu sprechen. Die Regentropfen auf dem Boden trappeln, marschieren, rennen. Immer mehr Blitze versuchen ein dauerhaftes Licht zu zünden, Donnergrollen geht ineinander über.

Die Schleusen öffnen sich, aus Regen wird Sintflut, der Bach schwillt. An den Ufern abgelagertes wird abtransportiert, es hemmt den Fluss, das Leben muss jetzt fort.

Rennende Regentropfen sammeln sich, bilden Gemeinschaften in Pfützen, begrüßen andere und gehen gemeinsam auf Wanderschaft, das Ziel der Bach, der sich entwickelt und zum Fluss wird. Die Freude an Bewegung, der Veränderung steigt, Tropfen springen, bilden Schaum auf dem Strom. Er verändert sich, nimmt immer mehr Ufer weg. Die Schnecke im Schilf ist zu langsam. Nur im Haus verstecken reicht nicht mehr. Wer das Mahnschreiben nicht annimmt, muss gehen unter fremdbestimmten Vorgaben, wird geführt. Andere sind geschickter und handeln, suchen Lösungen. Mal erfolgreich, mal erfolglos. Veränderung ist der mögliche Sieg, das Loslassen des Schilfhalmes, des Bestehenden, das Muss. Steigt die Flut, besteigt der Käfer das Floß und reitet auf den Wellen, während andere versinken. Es gibt sogar Käfer, die den Ritt feiern. Ich bin demütiger, stiller. Es braucht Mut den Schritt auf das Floß zu wagen. Dem Mutigen gehört die Zukunft, der Zweifel bleibt allenthalben, darf nicht führen.

Die Strömung transportiert eine Zeitlang, bis sich alles wieder beruhigt an einem anderen Ort mit anderen vielleicht für mich günstigeren Bedingungen. Die neue Chance ohne Altes, was mich hinderte, mir die Luft nahm.

Naturschutz geht nur nach vorne

Der Schutz der Natur mit ihren Arten ist wesentlicher Bestandteil unseres heutigen Handelns in der Politik, in der Gesellschaft, im privaten Umfeld. Klimawandel, Verschmutzung der Umwelt, das Artensterben sind in aller Munde. Die einen machen es radikal öffentlich, indem sie klebend Straßen blockieren, oder sich von Brücken abseilen, andere machen es im Stillen in ihren Gärten hinter dem Haus oder hängen heimlich Nistkästen in den Wald. Wie auch immer, wir versuchen die Tiere und Pflanzen zu schützen, die wir an unseren Orten kennen. Der Grundgedanke ist ähnlich, der Weg dorthin unterschiedlich.

Und warum tun wir das?

Weil wir „unsere liebgewonnenen Arten“ auch im kommenden Jahr wieder sehen wollen. Weil es uns freut, wenn wir es schaffen, Verhältnisse gegen alle Widernisse zu erhalten oder gar zu verbessern. Weil es uns gut gehen soll, also darf es um uns herum nicht schlechter werden. Geht es unseren Arten schlechter, bin ich persönlich betroffen.

Der stille, selbstlose Naturschutz in seiner Heimlichkeit ist dabei die nicht kontrollierbare Guerilla-Taktik. Nicht steuerbar, nicht auffällig. Sie wird um seiner Selbstwillen praktiziert. Davon reden mag keiner. Damit entfallen die Kontrolle und die Korrektur. Der Erfolg ist genauso vorhanden wie das Scheitern. Beklatscht wird allerdings auch nichts.

Daneben steht der offizielle Naturschutz. Getragen von Verbänden, Behörden, Institutionen, Menschen im Rampenlicht. Hier findet die Diskussion, der Disput oder der fachliche Austausch statt. Mal konstruktiv und zielorientiert, mal kontrovers und blockierend. Hier steht der Faktor Mensch im Zentrum, nicht mehr das, um was es geht. Und wenn Menschen im Spiel sind, die aus der Heimlichkeit heraustreten, werden sie zu Projektionsflächen. Erfolge und Misserfolge werden öffentlich. Ein Jeder kann teilnehmen. Ein Jeder steigt in eine Beurteilung ein. Der Protagonist, der ins Scheinwerferlicht trat, wird vogelfrei.

Findet das Tun im Verborgenen statt, gibt es nur die persönliche Hoffnung in die Zukunft hinein. Eine Vergangenheit kann aufgrund des verborgenen Handels nicht von anderen beurteilt werden, allenfalls in der eigenen kritischen Rückschau.

Findet das Tun in der Öffentlichkeit statt, verbindet sich damit immer eine Geschichte, ein Zeitstrang, der dokumentiert ist oder in der Erinnerung Anderer verbleibt. Die Konsequenz ist, dass ein in die Zukunft hinein ausgerichtetes Handeln immer auch mit und durch die Vergangenheit beurteilt wird. Eine isolierte, neutrale Bewertung des Aktuellen, unabhängig der vergangenen Geschehnisse, ist nahezu unmöglich. Wir ähneln Elefanten, die auch nicht vergessen können.

Die geäußerte Kritik, mal konstruktiv, mal verletzend, führt zu Abwehrhaltungen, zur Verteidigung. Ideen müssen erklärt werden, denn das Eingeständnis eines möglichen Fehlers wäre eine Niederlage, sie führt nicht zu einer Optimierung eines Sachverhaltes, ein Überdenken, sondern zur Ablehnung durch andere. Eine persönlich gefühlte Abwertung ist die Folge. Verteidigung hingegen ist das Abstecken von Raum, der Aufbau scheinbarer Kompetenz, für die wir noch Unterstützer suchen, um die eigene Stellung zu untermauern und aufzuwerten und schnell wird daraus ein Streben nach Macht. Ich bin überzeugt von meinem Tun, also müssen die Anderen irren. Den Mittelweg gibt es nicht. Es wird also zu meiner heiligen Verpflichtung weiterzugehen, komme was wolle. Der Anspruch wird absolutistisch.

Gleichzeitig treibt die Veröffentlichung des eigenen Tuns andere an, die durch ihre geäußerte Kritik selber aufgewertet werden. Werden sie in ihrer Kritik bestätigt, werden sie zu scheinbaren Fachleuten, die sich das Recht herausnehmen, den Ideengeber zu degradieren, um sich selber zu erhöhen. Ein Konkurrenzkampf wird entfacht.

Das, was ursprünglich der Naturschutz sein sollte, wird menschlich, der Fokus verschiebt sich und der Naturschutz als Aufgabe dient nur noch als Label, als vorgeschobene Begründung. Irgendwann fehlt schlicht die Zeit, sich darum zu kümmern. Die gutgemeinte Aufgabe verkommt. Die Selbstlosigkeit, höchstens als persönliche, weil private Genugtuung, verschwindet. Wir wollen öffentlich gefeiert werden. Unser Streben ist Anerkennung. Mangelnde Kompetenz und eigene Fehler kaschieren wir durch das Sammeln von Weggefährten. Je mehr mir folgen, umso höher mein Ansehen. Es ist unbedeutend, ob es Personen sind oder das Rating von Publikationen.

Naturschutz geht nur nach vorne, so wie wir jeden Morgen aufstehen. Wir leben nach Vorne, dort können wir entscheiden, gestalten. Nach hinten können wir nicht leben, dort verändert sich nichts mehr. Die Vergangenheit ist unbeweglich. Sie ist das Buch, in dem wir lesen können, mehr nicht. Das Buch selbst rührt sich nicht.

Aber jeder kann aus seiner eigenen Vergangenheit lernen und für sich prüfen, was in seinem Fokus steht. Naturschutz ist eine zu ernste Sache und sie hat heute keinen Raum mehr für Menschlichkeiten, wollen wir langfristig hier leben und überleben. Der temporäre Erfolg in der Vergangenheit hat in der Zukunft keinen Wert. Im Naturschutz geht es vordringlich um die Natur, die letztlich Auswirkungen auf uns hat. Aber wir Menschen stehen in dieser Reihenfolge nur an zweiter Stelle! Überleben werden wir langfristig nur, wenn wir aktiv aus dem Scheinwerferlicht heraustreten. Oder sagen wir es anders: Wir werden erfolgreich sein, wenn wir demütig werden und einsehen, wer hier der Platzhirsch ist.

Trauer als Phase

Das Leben besteht aus Phasen. Sie betreffen unser Wachstum vom Kleinkind, über das Schulkind zum Teenager, dann der junge Erwachsene. Wir gehen zur Schule, studieren oder machen eine Ausbildung, gehen Arbeiten. Wir testen uns an Partnern, heiraten, trennen uns vielleicht wieder, erziehen unsere Kinder, lassen sie ziehen, werden zu Rentnern. Wir haben gute Phasen genauso wie Schlechte. Alles kostet seine Zeit. Manche Phasen dauern länger, andere sind eher Blitzlichter. Phasen wechseln sich aber, kommen wieder, erscheinen einmal und verschwinden auf Nimmerwiedersehen. Eine wirkliche Konstanz gibt es nicht, denn die Länge ist nicht absehbar. Sicher ist nur, dass alles im Leben irgendwie in Phasen einzuteilen ist.

Genauso verhält es sich, wenn wir einen Teil in unserem Leben, einen nahen Menschen, den geliebten Job, die Heimat, ein Haustier, unsere Gesundheit verlieren. Auch das kann in einer Phase dargestellt werden. Gesundheit kann manchmal dauerhaft verloren gehen und der Tod eines geliebten Menschen ist definitiv nicht umkehrbar. Folgert daraus eine endlose Phase? Nein!

Die betroffenen Menschen, die in ihr feststecken, können ihr mögliches Ende nicht absehen. Es scheint sich ein dauerhafter Zustand einzustellen, was es noch schlimmer macht. Erschwerend kommt hinzu, dass die Phase der Trauer keine definierte Länge hat. Bei dem Einen dauert sie Tage, beim anderen Wochen und Monate, beim Nächsten Jahre oder Jahrzehnte. Meine Worte dazu, dies auch noch als Phase zu klassifizieren, als ob es mal eben so endet, muss für den Einen oder Anderen ein Schlag ins Gesicht sein. Ich weiß. Verwechseln sie bitte Sachlichkeit verbunden mit Erfahrungswerten nicht mit Herzlosigkeit. Die Realität ist nun einmal ein kaltes Phänomen.

Sezieren wir die Trauer mal etwas:

Wir haben etwas verloren, an dem wir gehangen haben. Wir trauern. Die einen trauern um den Verlust, andere bedauern sich selbst. Unsere Aufgabe im Leben ist es dieses Erlebnis zu verarbeiten, ihm im Leben einen Platz zu geben, denn das Leben geht weiter. Für einige undenkbar, die Realität hat diese Härte. Jeder Tag ist neu, jeder Tag birgt aber auch neue Chancen. Wir können, wenn wir die Kraft und den Mut aufbringen, diese nutzen und annehmen oder wir versinken im Sumpf der Traurigkeit. Die Zeit mit ihren Sonnenaufgang- und -untergängen ist wie die Küchenuhr über der Türe bei uns zu Hause. Sie tickt unerbittlich weiter, da kann kommen was mag. Es ist schwer, keine Frage, aber welche Konsequenz folgert  daraus:

Wir können aufgeben, stehen bleiben und keinen weiteren Entwicklungsschritt mehr gehen. Der Tod des Anderen ist auch der Meinige. Der Schmerz ist grenzenlos und ein sinnstiftendes Weitergehen erscheint unmöglich.

Wir können versuchen einen Weg zu finden, nach vorne zu gehen. Die Trauer annehmen, ihr einen Platz zuweisen und den nächsten Schritt gehen. Dies bedarf Kraft und Mut. Sie steckt in uns, auch wenn wir es gerade nicht fühlen können.

Wir wissen, dass es ein Leben danach gibt, wir haben aber selber nicht die Kraft und brauchen Unterstützung. Einsicht ist schon Teil des Vorwärtsgehens.

Wir haben eine Selbstverantwortung für uns, die uns keiner nehmen kann. Das tut ja auch keiner, sondern es unsere Entscheidung, ob jemand Anderes sie uns nehmen will. Der Verstorbene ist der Letzte, der daran interessiert ist, sie uns zu nehmen. Es gibt viele Hilfsangebote, die wir nutzen können, wenn wir selber nicht weiter wissen. Wir sind Menschen, die Wissen austauschen, das ist unsere menschliche Eigenschaft. Jeder ist Herr seiner Entscheidungen.

Trauer ist eine Phase. Ich kann sie als Erfahrung annehmen, ich lerne, wachse an ihr, damit sie mich nicht dauerhaft niederwirft. Ich komme stärker aus ihr hervor, ich kann konzentrierter und umfänglicher mein neues Leben annehmen, wenn ich mich durch sie hindurch gearbeitet und gefühlt habe. Ich weiß dann besser, was ich will und was ich nicht will. Zur Trauer gehört die Reflexion von Vergangenem. Ich kann alte Dinge aufarbeiten, sie abschließen, meine persönlichen Konsequenzen aus ihr ziehen. Klingt alles so einfach, dabei ist der in seinen Höhen sauerstoffarme Mt. Everest nur ein kleiner Hügel, den es zu überwinden gilt.

Trauerjahre sind Phasen des Innehaltens bei aller Schwere, Dunkelheit und Schmerzen. Es ist die härteste Phase, die wir als Menschen erfahren können. Es ist aber auch die Wertvollste, wenn wir sie aktiv durchleben und an ihr wachsen. Keine Phase wird uns so sehr prägen, wie diese. Und somit bekommt bei aller Härte auch diese Phase etwas Positives. Wichtig ist nur der Wille, das Licht dahinter zu suchen. Keiner weiß, wann es wieder heller wird. Das einzige was vielleicht hilft, ist die Gewissheit, dass sie als Betroffener oder Betroffene nicht der erste Mensch sind, der diese Erfahrung macht. Sie reihen sich ein in eine lange Kette von Menschen, die das auch schon erlebt haben und die nicht daran zerbrochen sind. Sie werden es auch nicht, denn danach wird es heller!

Männer trauern anders - biologische Hintergründe

Warum widmet sich keiner dieser Thematik, wo sie doch in jedem von uns schlummert, wenn sie ein Mann sind. Unsere Biologie und Evolution und ihre Auswirkungen auf unser Trauerverhalten. Liegt es daran, dass Wissenschaft häufig männlich dominiert ist und damit die Angst besteht, dass wir Schwäche preisgeben müssen, wenn diese dann auch noch wissenschaftlich messbar wären? Ist diese sogenannte Schwäche dann wissenschaftlich verbrieft und damit in Stein gemeißelt, in einer Zeit, in der Wissenschaft in Teilen einen Religionsstatus bekommen hat? Ist das die Angst, die die Trauerforschung den Psychologen und Soziologen zuschiebt, welche doch, zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung, eher die weichen Wissenschaften vertreten, die keine sichtbaren, weil anfassbare Fakten liefern kann, weil dahinter keine Zelle oder ein Molekül steht?

Ist es das? Und sind wir eigentlich nicht schon einen Schritt weiter? Ist das nicht altes Rollendenken von konservativen alten, weißen Männern?

Und doch spielt diese Sichtweise immer noch eine Rolle. Leider, auch im Jahre 2023! Schauen wir doch mal aus der Sicht der Evolutionsbiologie auf die Thematik.

Acht Milliarden Menschen leben auf dieser Erde, also ungefähr vier Milliarden Männer. Jeder Mensch besteht aus ca. hundert Billionen Zellen (1). Jede einzelne davon trägt das gesamte genetische Informationsmaterial unserer Art. Jede Zelle ist bestückt mit einem Faden von zwei Metern Länge, mit all dem, was wir seit unserer Entstehung erworben haben, entweder durch zufällige Mutation oder durch die Epigenetik.

Wuchtige Zahlen für ein Thema, welches kaum jemand beachtet. Und doch sind die Auswirkungen messbar und zuweilen einschneidend, nämlich dann, wenn sie tödlich sind.

In den letzten Jahren hat sich die Trauerforschung mächtig weiterentwickelt. Sie hat ihren Ort des Tabuthemas verlassen. Immer mehr Informationen fließen aus allen Bereichen der Wissenschaften zusammen. Einerseits weil sich die Menschen dafür aus eigenem Antrieb interessieren, aber auch weil es ein Wirtschaftsfaktor ist. Trauernde Menschen in einem Unternehmen sind ein Kostenfaktor. Menschen beschäftigen sich in aller Regel erst mit einer Thematik, wenn ein bestimmter Druck besteht. Natürlich ist dieser Bereich mit zahllosen Klischees belegt. Gerade wir Männer haben die Eigenart schwierige Themen, wie zum Beispiel die eigene Gefühlswelt ins Lächerliche zu ziehen. Aber jedem Klischee liegt eine Wahrheit zu Grunde, sonst gäbe es dieses Klischee nicht (2).

Betrachten wir unsere Geschichte, dann handelt der sogenannte „moderne“ Mensch, erst seit wenigen hundert Jahren hier auf der Erde. Wir können den Beginn recht exakt festlegen: die industrielle Revolution: ca. 1750. Dies ist der Zeitpunkt, in der sich Gesellschaften grundlegend änderten, weil bisherige Rollen aufgebrochen wurden (3). Vieles in der Vergangenheit war der körperlichen Ausstattung geschuldet. Die tägliche Arbeit bedurfte viel körperliche Muskelkraft. Durch den Einsatz von Maschinen waren Arbeiten nicht mehr nur den körperlich Starken, zumeist den Männern vorbehalten. Die Frauen bekamen nun in beruflichen Dingen neue Möglichkeiten. Sie konnten Aufgaben der Männer übernehmen und taten dies auch. So entwickelten sich langsam Wege, die es den Frauen ermöglichten, ihre bisherige Rolle aufzubrechen. Nicht in jedem Land der Erde zur gleichen Zeit. Aber es war ein Anfang gemacht. Die Veränderungen breiteten sich in alle Bereiche hinein aus und heute sprechen wir von dem Anthropozän. Der Mensch hat die Welt vehement verändert. Nicht nur zum Guten.

Vor diesem Einschnitt gab es eine Zeit, die viele hunderttausend Jahre angedauert und dabei Strukturen geschaffen hatte, die das Überleben des Menschen sicherte. Das Individuum passt sich über die Generationen hinweg den natürlichen Bedingungen an, um in diesem Lebensraum optimal zurecht zu kommen. Wie alle Organismen dieser Erde war unser Handeln auf das Überleben und die Fortpflanzung ausgerichtet.

Ein paar wenige Eckpunkte, um diese Zeitspanne zu umreißen: vor sechs Millionen Jahren haben wir begonnen auf zwei Beinen zu laufen. Dadurch wurden die Hände frei und wir konnten mit ihnen neue, zusätzliche Aufgaben übernehmen. Vor drei Millionen Jahren haben wir die ersten Steinwerkzeuge entwickelt, eine Folge aus der Befreiung der Hände, die diese Werkzeuge nun tragen und einsetzen konnten. Seit 800.000 Jahren nutzen wir das Feuer. Es wärmt uns, es schützt uns und wir bereiten unser Essen damit zu, so dass es sich nach dem Gahrungsprozess im Verdauungstrakt besser und nachhaltiger aufschließen lässt. Seit 12.000 Jahren gibt es die Landwirtschaft und damit verbunden erste kleinere, dauerhafte Siedlungen, aber damit auch gleichzeitig das Beenden des nomadischen Lebens. Seit 6.000 Jahren gibt es stadtähnliche Siedlungen, erste Verwaltungsstrukturen und die Schaffung von Arbeiten, die nicht mehr primär der Ernährung dienten, wie zum Beispiel Handwerker, die Leistungen gegen Entlohnung von anderen Menschen übernahmen. Die eigentliche Verstädterung gibt es erst seit dem 19. Jahrhundert.

Dies alles ist eine grobe Entwicklung, die sich im genetischen Material jedes Menschen abgebildet hat, teils durch natürliche Mutation, teils durch das Erlernen von erworbenen Eigenschaften (Epigenetik). Der Mensch von heute ist das Resultat seiner Geschichte und sein Erbgut ist das Spiegelbild. Alles, was nicht unmittelbar schädigend wirkte, verblieb im Erbgut und kann heute bei Bedarf wieder abgerufen werden.

Wechseln wir die Ebene von der Population hin zum Individuum.

Vor der industriellen Revolution ging es darum die Familie zu ernähren. Es bildete sich eine Rollenverteilung aus, die die Bedingungen optimal bedienen konnte. Der Mann ging, überspitzt formuliert, auf die Jagd oder bestellte irgendwann später die Felder, während die Frau die Kinder bekam, diese versorgte und sich um das Heim kümmerte. Klingt klischeehaft. In jedem Klischee liegt etwas Wahrheit!

Haben wir oben die größeren Schritte der menschlichen Population umrissen, folgen jetzt ein paar Beispiele auf Individualebene: Männer schmecken besser salzig für Fleisch, Frauen eher süß für Früchte. Frauen haben einen um 20 % höheren Körperfettanteil als Männer. Männer haben 30 % mehr Schweißdrüsen als Frauen aufgrund der körperlichen Arbeit und damit verbunden der Notwendigkeit den Körper intensiver kühlen zu müssen. Frauen hören in allen Bereichen feinere Unterschiede, bis auf den Bereich der Tierstimmen. Frauen sehen anders und haben auch im seitlichen Blickbereich eine höhere Wahrnehmungsfähigkeit als Männer, die eher einen fokussierten Tunnelblick (Jagd) haben, etc. Viele Unterschiede werden heute in Büchern teilweise humorvoll beschrieben (4,5). Dabei geht es nicht um eine Bewertung dieser Unterschiede, sondern um ihre Wahrnehmung. Einen Aspekt, den wir voneinander streng trennen müssen.

Neben den körperlichen Unterschieden gab es eine soziale Rollenverteilung. So sind Frauen, durchschnittlich betrachtet, stärker in der Kommunikation. Dadurch, dass ihre Aufgaben eher im familiären Umfeld lagen, waren sie im permanenten Austausch mit Kindern und anderen Familienmitglieder. Dies ist auch an der Gehirnarchitektur zu erkennen. Die Männer hingegen hatten ihren Arbeitsplatz überwiegend draußen, vielfach in kleinen Gruppen oder allein, mit einem geringeren Gesprächsanteil, der, wenn er eingesetzt wurde, zielgerichteter ausgeprägt war (6).

Diese Eigenschaften, gewachsen, entwickelt, erworben und gespeichert über viele tausend Jahre, werden heute in seiner gesamten Ausprägung nicht mehr benötigt. Evolutionär betrachtet ist der Zeitraum seit seiner grundsätzlichen Veränderung vor knapp dreihundert Jahren ein sehr kurzer Zeitraum. Das bedeutet nicht, dass Änderungen nicht möglich sind, sie bedürfen aber Zeit, einen großen Aufwand und besonders einem Verständnis dafür.

Welche Auswirkungen haben diese evolutionären Anpassungen an die Trauer des Mannes?

Die Art und Weise, wie wir gelebt haben und wie die Bedingungen auf uns einwirkten, haben uns zu dem gemacht, was wir heute sind. Bin ich beispielsweise in der Kommunikation stark, habe ich evtl. besseren Zugriff auf meine Gefühle. Dann kann ich mich damit intensiver auseinandersetzen, um Krisen zu bewältigen. Frauen sind in diesem Bereich den Männern überlegen. Es lassen sich Unterschiede statistisch messen: Verstirbt beispielsweise die Partnerin und bindet sich der Mann (der keine gute Trauerverarbeitung hat) nicht wieder in den kommenden zwei bis drei Jahren neu oder wird er in einer Gemeinschaft aufgefangen, ist seine Lebenserwartung um bis zu 10 Jahren reduziert. Er stirbt aber nicht einfach so, sondern er versucht häufig durch Suchtverhaltensstrategien das emotionale Loch zu schließen (Uraufgabe: Versorgung der Familie). Die Nachsterblichkeit nach dem Verlust der Partnerin ist in den ersten sechs Monaten nach dem Ereignis bei Männern um bis zu 100 % gegenüber der normalen Sterblichkeit, erhöht (7).

Viele Dinge in der Trauer lassen sich heute bis auf die Molekularebene unserer Zellen beobachten und betreffen sowohl Männer als auch Frauen. Die Frage ist, wer kommt besser mit den Veränderungen klar. Häufig ist es im Bereich der Trauer das weibliche Geschlecht. Sie sterben, statistisch betrachtet, nach dem Verlust des Mannes, nicht früher. Sie leben sogar zwei Jahre länger, wenn sie nicht in einer Partnerschaft sind. Gehen wir in den Bereich der Epigenetik können wir bei Traumata (9), die durch einen Verlust entstehen können, direkte Molekülanlagerungen an bestimmten genetischen Abschnitten beobachten, die beispielsweise zu erhöhter Depressionsrate, Suiziden oder Krankheiten führen können. Mittlerweile weiß man im Bereich der Psychoneuroimmunologie (8), dass im Gehirn viele Verschaltungen neu geschaffen werden müssen, weil sich durch den Tod ein Lebensweg von Grund auf ändert. Das Immunsystem ist in dieser Phase geschwächt und vorerkrankte Menschen haben dann ein höheres gesundheitliches Risiko. Männer sind, und auch das ist mittlerweile weitgehend akzeptiert, bei aller muskulärer Kraft, die uns innewohnt, das schwächere Geschlecht.

Aber was folgert daraus?

Wichtig ist zu erkennen, dass wir die Ausprägungen von Trauer nicht nur in den Bereich der Seele, der Psychologie und der Soziologie verorten, sondern dass wir auch den biologischen, evolutionären Aspekt mit einbeziehen. Wir sind zwar in der Geschichte des Lebens die Sieger des menschlichen Weges, denn wir haben überlebt, aber wir sind auch die Amphoren dieser Geschichte, die in uns abgespeichert ist. Wir stehen vor grundlegenden, gesellschaftlichen Veränderungen, die manchmal dynamischer sind, als es die Biologie sein kann. Beachten wir diesen Aspekt in der Begleitung eines trauernden Mannes, können wir viel gewinnen und individueller begleiten.

Manchmal ist es dem trauernden Mann wichtiger, dass jemand da ist und schweigt, als wenn er Gespräche über seinen Gefühlszustand führen muss. Und manchmal ist genau dieser Umstand für eine Frau schlecht auszuhalten. Oder anders gesagt: gehen sie mit einem trauernden Mann spazieren oder wandern, dann muss er sie nicht anschauen, denn Augenkontakt steht in der männlichen Evolution immer noch für eine Drohgebärde und das braucht er in seiner akuten Phase nicht auch noch.

 

Quellen

1. https://www.spektrum.de/frage/wie-viele-zellen-hat-der-mensch/620672

2. Block, J.H. (1976): Issues, problems and pitfalls in assessing sex differences: a critical review of the psychology of sex differences.- Merill-Palmer Quarterly 22: 283-308.

3. Kreuels, M. (2017): Männerstille, BOD, Norderstedt: 100 S.

4. Moir, A. & D. Jessel (1990): Brainsex – Der wahre Unterschied zwischen Mann und Frau.- Econ, Düsseldorf.

5. Pease, A. & B. Pease (2002): Warum Männer nicht zuhören und Frauen schlecht einparken.- Ullstein, München.

6. Kirchstein, H. (2015): Männer trauern anders. Typisch männliche Strategien angesichts von Tod und Verlust – und wie sich damit umgehen ließe.- Vortrag vor der Selbsthilfegruppe verwaister Eltern, Bramsche-Ueffeln am 23.4.15.

7. Weißbach, L. & M. Stiehler (2013): Männergesundheitsbericht 2013: Psychische Gesundheit.- Hans Huber: 276 S.

8. Hasten, C. & C. Schubert (2017): Der Körper trauert mit.- Psychoneuroimmunologie der Trauer.- Leidfaden 2/2017: 10-14.

9. Yehuda, R, er al. (2016): Holocaust Exposure Induced Intergenerational Effects on FKBP5 Methylation.- Biol. Psychiatry 80 (5): 372-380.

ein paar Artikel von mir und über mich

2019

Emotionale Überlastung.- GEOkompakt 60: 16-17.

2018

Kähler, J.: Wie Männer trauern – Martin Kreuels hat sein Berufsleben dem Tod und der Trauer gewidmet.- Zeitlos 01.2018: 10-11.

2018

Was mich antreibt…- Columba 3: 42-43.

2018

E. Kreuels: Papatrauer aus der Sicht meiner Tochter Emma.- Columbina 3: 22-25.

2017

Männer und Trauer: Erfahrungen, Vermutungen und Erklärungsversuche zu einem oft missverstandenen Gefühl.- www.maennerwege.de, März 2017: 1-6.

2017

Das letzte Foto.- Wegbegleiter 22: 14-15.

2016

Männer trauern anders.- Bundeshospizanzeiger 4: 5-6.

11
Mai
2011

Worte

Worte finden
Worte sprechen an
Worte treiben
Worte schreiben

aber nur
wenn der Gegenüber sie versteht
wenn der Gegenüber ähnlich fühlt
wenn der Gegenüber inspiriert

Namibia

weißes Nichts

Sand, kleine weiße Steine, die Landschaft bretteben. Die Luft vibriert, stärker je weiter ich schaue. Es ist totenstill. Hin und wieder ein leichtes Rauschen des Windes. Kein Vogel, kein Insekt, eine Spinne verschwindet in ihrer Bodenröhre. Der Horizont ist verschwommen. Die Strukturen wackeln. Wasser auf der Landschaft, die Fata Morgana täuscht Bestandteile vor, die es nicht gibt, zumindest nicht hier. Es ist heiß, die Sonne brennt, kein Schatten. Soweit das Auge reicht, kein Baum, kein Strauch. Der nächste menschliche Ort ist 50 km entfernt. Dazwischen nichts, nur Ebene. Die Siedlung liegt hinter dem Horizont. Ich schaue über sie hinweg. Die Erde ist gekrümmt.

Wir fahren in einer weißen Landschaft in einem weißen Auto auf einer staubigen Piste. Asphalt macht keinen Sinn, es wäre eine Fahrt durch Honig, die Straße würde davonfließen.

Dann in einem Nichts eine Tankstelle, eine Säule hellblau rostig, abgeschmirgelt vom Sand. Kein Mensch zu sehen, nur diese Störung in der Landschaft. Ein Halt ist geboten. Wann die nächste Tankstelle kommt, ist nicht klar und wenn tatsächlich eine auftaucht, wissen wir nicht, ob es dort den benötigten Treibstoff gibt. Der Stopp überlebenswichtig. Unser Tank ist halbvoll, wir füllen ihn komplett auf. Beim Öffnen zischt es, das Benzin verdampft aus dem Tank, jedes Mal, wenn wir irgendwo halten und der heiße Boden, den Tank mit seinem Inhalt aufheizt.

Der Tankwart sitzt im Haus, nimmt unsere Zahlung entgegen, wünscht uns gute Weiterfahrt, lächelt und widmet sich wieder seinen Fußnägeln. Wir steigen ins Auto, biegen auf die Piste ein. Hinter uns verschwindet die Tankstelle. Die Erde ist gekrümmt. Vor uns nichts, weiß, gleißend hell, Sand, kleine weiße Steine, die Landschaft bretteben. Es ist still im Auto.

Mai
2012

The Forest  

tannenschonung
mooskissen
einzelne kräuter
stille, dunkelheit

tau auf den pflanzen
ein käfer läuft vorbei
eine amsel ruft
modrige luft

ein frauenschuh
verloren
ein kleid 
zerissen

stille 
eine meise ruft 
der käfer läuft weiter 
ein tropfen fällt

tische
stühle 
kopfsteinpflaster
beschattet von der markise

menschen
da und dort
stehend 
sitzend

cafe, espresso, kuchen, wasser

unterhaltung
vorübergehende beobachtungen
eine taube fliegt vorbei
ein roller startet

ein spatz pickt 
ein gast zahlt
eine begrüßung
eine umarmung

der kellner räumt ab
bringt den cafe
seine schürze nicht mehr weiß
am gürtel die kette

eine bestellung hier
eine zeitung dort auf dem tisch
noch eine zigarette
ein glas sekt

die tasse leer
der kuchen verspeist
der abschied naht
die sonne scheint

Cafe Provence

du wirst geboren
die uhr beginnt zu ticken
gleichmäßig ohne hast
tick tick tick

du wirst älter
wächst heran
die uhr tickt
und

immer
wenn es tickt
ist wieder
zeit vergangen

vorbei
vergangen
nicht
rückholbar

und irgendwann
wenn du alt bist
fällt dir
ihr ticken auf

ihre gleichmäßigkeit
bis du stirbst
und sie
weitertickt

gleichmäßig
und ohne hast
ohne blick
zurück

die Zeit

wenn es regnet
sich seine gänge mit wasser füllen
er um luft ringt
und nach oben kommt

jetzt ist er dem licht ausgesetzt
das ihn verbrennt
ihn austrocknet
ohne schutz

er hat kein fell
kein schneckenhaus
kein gespinst
kein versteck

und dann kommt die amsel
schnappt zu
ohne gedanken
und schluckt

was denkt er
wenn es dann dunkel wird
alles feucht ist
die luft stickig

und sich dann seine haut
auflöst
er verdaut wird

wann denkt er nicht mehr?
wann wird alles schwarz?

Der Regenwurm hasst den Regen

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